Wolfgang Rössig

Marseille Bouillabaisse

Multikulturelles Marseille

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

»Ein wenig verrucht», so urteilte bereits 1673 Madame de Sévigné über Marseille. Gegen diesen Ruf kämpft die Stadt bis heute an. Da feierte man zur Jahrtausendwende 2600jähriges Jubiläum, hat vorzügliche Kunstmuseen zu bieten, und die Touristen denken nur an Korruption, Rechtsradikale und Drogenhandel im Stil der »French Connection«.

Mit den Arenen, Theatern und Tempeln der provenzalischen Römerstädte, mit dem gotischen Papstpalast von Avignon, mit den Kreuzgängen romanischer Klöster kann Marseille nun einmal nicht konkurrieren, aber mit der Tatsache, daß man nach Paris das wichtigste Forschungszentrum Frankreichs und der große wirtschaftliche Motor des Südens ist, lockt man keine Touristen an. So belassen es die meisten Besucher bei einem Zwischenhalt auf der Fahrt an die blaue Côte d'Azur, zu den violetten Lavendelfeldern des Lubéron, den weißen Sandstränden des Languedoc oder den rosa Flamingos und schwarzen Stieren der Camargue. Eine Bouillabaisse am Vieux-Port, eine Bootsfahrt hinaus zur Inselfestung Château d'If, und schon ist man wieder fort. Gewitzt, wie sie nun einmal sind, präsentieren die Marseiller dort die Zelle von Edmond Dantès. Wen stört es schon, dass der Graf von Monte Christo nur in der Phantasie von Alexandre Dumas existiert hat!

Mediterraner Kulturmix

Marseille
Marseille

Wer seine Vorurteile über Bord wirft, erlebt Marseille als ungemein dynamische Mittelmeermetropole und multikulturellen Schmelztiegel. Keine andere europäische Hafenstadt kann auf eine längere Tradition als Begegnungstätte der Zivilisationen und Ideen zurückblicken. Griechen, ägyptische Juden, Roma, Korsen, Armenier, Italiener, Spanier, Algerier und Afrikaner: sie alle haben Marseille ihren Stempel aufgedrückt, und »Marseille-la-Casbah« lässt sich auch von den Parolen des rechtsradikalen Front National nicht einschüchtern, der ohnehin wieder auf dem Rückzug ist. Eine Stadt, die seit der Antike vom Handel mit aller Herren Länder lebt, die mit Charles Aznavour und Yves Montand - armenischer bzw. italienischer Herkunft - zwei Ikonen des französischen Chanson hervorgebracht hat, und deren umjubelter Fußballverein Olympique Marseille ein Potpourri der Nationalitäten darstellt, schreibt Toleranz nun mal größer als Rassismus.

Belsunce

Natürlich gibt es auch Probleme. Wer die monumentale Prunktreppe des Bahnhofs St-Charles hinunterschreitet, der glaubt an ihrem Fußende Europa zu verlassen. Hier beginnt Belsunce, ein beschönigend »Quartier Populaire« genanntes Viertel, in dessen heruntergekommenen alten Häusern mit schmutzverkrusteten Fassaden fast nur Immigranten wohnen, aber das schon seit Anfang des Jahrhunderts. Hier sang man zum ersten Mal die Marseillaise, hier wird gehandelt, gefeilscht und getauscht wie schon zur Zeit der Griechen, hier raufen sich Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft zusammen. Explosionen der Gewalt treten eher in den seelenlosen Vorstädten mit ihren schäbigen Plattenbauten auf. Das Belsunce jedoch ist ein gewachsenes Viertel. In Gassen, die so pittoreske Namen wie Rue des Petites-Mariées, Rue du Tapis-Vert oder Rue du Poids-de-la-Farine tragen, machen Armenier und Libanesen in In- und Export, liefern islamische Metzgerläden frisches Hammelfleisch für den Couscous, die arabischen Gewürze dazu gibt es gleich nebenan. Klebrige, zuckersüße Versuchungen stapeln sich im Schaufenster des marokkanischen Bäckers.

Mit Fremdenhaß kommt man nicht weit, wenn ausgerechnet der tunesische Gemüsehändler die süßesten Erdbeeren, die besten Oliven und den knackigsten Salat feilbietet. In den vollgestopften Läden findet man seidene Kopftücher, lange Kaftane, marokkanisches Teegeschirr, Kassetten mit algerischer Rai-Musik, tunesische Videofilme und Koranausgaben in allen Preisklassen. Schwarze Matronen schleppen schwere Plastiktüten von Tati, der französischen Billigsupermarktkette, nach Hause, hochgewachsene Afrikaner im wallenden Burnus versuchen Holzfiguren und Ledergürtel loszuschlagen, und nebenan versammelt sich eine wenig vertrauenswürdige Schar um einen großen Pappkarton zum Hütchenspiel, bei dem natürlich nur der naive Passant verliert. Doch erst wenn es dunkel wird und Dealer, Zuhälter und überwiegend dunkelhäutige Prostituierte die finsteren Hauseingänge bevölkern, dann wird es in Belsunce tatsächlich zu »heiß«.

Zwischen Canebière und Vieux-Port

Marseille
Marseille

Ungefährlicher ist es auf der Canebière, Marseilles Prachtstraße, die Belsunce im Süden begrenzt und zum Vieux Port hinunterführt. Wie die Hamburger Reeperbahn wurde sie nach dem Seilerviertel benannt, in dem man einst die für den Hafen bestimmten Hanf-Taue fertigte. Nur ein Schuft denkt dabei an Cannabis, das heute in den Seitenstraßen verkauft wird! Die prunkvolle Architektur der Canebière stammt aus dem Zweiten Kaiserreich, als der Kolonialhandel mit Algerien und Indochina sowie die Eröffnung des Suezkanals Marseille einen geradezu märchenhaften Reichtum bescherte. Damals erklärten die Einheimischen, denen man seit je her einen Hang zum Übertreiben nachsagt, die Champs-Élysées zur »Pariser Canebière«. Vom alten Glanz ist leider wenig geblieben: Heute tost hier infernalischer Verkehr, Kaufhäuser, Kinos, Banken und anrüchige Lokale ersetzten die prachtvollen Cafés. Zum Flanieren lädt die Straße kaum noch ein, und nachts ist sie erstaunlich öde. Ganz anders der Vieux-Port, der alte, rechteckige Schlupfhafen der Stadt, den schon Julius Cäsar beschrieben hat. Bis ins 19. Jahrhundert wickelte man an den unter Ludwig XIII. angelegten Kais den gesamten Seehandel ab. Heute ankern hier hauptsächlich Yachten. Noch immer werden am Quai des Belges jeden Morgen ab 8 Uhr Fisch- und Meeresfrüchte versteigert. Allerdings stammt die Ware nur noch selten aus dem überfischten Mittelmeer, sondern wird tiefgefroren vom Atlantik und dem Nordmeer eingeflogen.

Bouillabaisse

Nur bei den Zutaten zur berühmten Bouillabaisse gibt es kein Tricksen, denn die lässt sich nur mit den Felsenfischen des Mittelmeers zubereiten. Schon deshalb hat sie ihren Preis: Drachenkopf, Meerbarbe, Petersfisch, Seeaal, Knurrhahn und Meeräsche sind immer schwerer zu beschaffen, und das Putzen und Ausnehmen nimmt viel Zeit in Anspruch. Gekocht ist die mit Tomaten, Safran und Olivenöl zubereitete Suppe dann in 20 Minuten. Traditionsgemäß serviert man erst den Fischsud mit Croûtons, die mit scharfer, Rouille genannter Mayonnaise bestrichen werden. Erst dann isst man die auf einem getrennten Teller angerichteten Mittelmeerfische. Hummer oder Langusten verteuern die Suppe unnötig. Seriöse Restaurants haben Schlepper nicht nötig und zeigen den Gästen die Fische gern vor der Zubereitung.

Praktische Infos

Tourist Information

Marseille Tourisme

11, La Canebière
F-13211 Marseille Cedex 01

Mail: info@marseille-tourisme.com">
Web: www.marseille-tourisme.com

Anreise

Mit dem Flugzeug

Airlines aus ganz Europa, auch von mehreren deutschen Flughäfen, fliegen Marseille-Provence Airport an. Er liegt etwa 27 km nordwestlich des Stadtzentrums. Zwischen Flughafen und dem Bahnhof St-Charles verkehren zwischen 5 und 24 Uhr alle 20 Minuten Shuttlebusse. Die Fahrt dauert etwa 25 Minuten.

Mit dem Zug

TGV-Verbindungen zwischen Paris (Garde de Lyon) und der Gare St-Charles (3 Std. 20 Minuten), außerdem häufige Verbindungen mit Nizza und Italien.

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