Wo Medusen schlafen

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Wozu diese Leere nach der Freude? Dieses Elend nach dem Glanz? Dieses Nichts, wo einst eine Stadt war? Wer aber gibt die Antwort? Nur der Wind. Er ersetzt den Gesang der Priester und zerstreut die einst vereinten Seelen.“ Die klagenden Verse, die im Mittelalter ein arabischer Dichter beim Anblick der Ruinen Tripolitaniens niederschrieb, klingen im Ohr, während der Wind feinen Saharasand über römische Kolonnadenstraßen, Theaterstufen und Marktplätze treibt, von deren Wänden grimmige Medusenhäupter blicken.

An der Mittelmeerküste Libyens fin­det eini­ge der fas­zi­nie­rends­ten Ruinenstätten der Antike. In Tripolis selbst sind zwar nur beschei­de­ne Reste des anti­ken Oea erhal­ten, doch bewahrt das Nationalmuseum die schöns­ten Funde aus den drei Städten, den „tri polis“, die aus phö­ni­zi­schen Gründungen des 7. vor­christ­li­chen Jahrhunderts her­vor­ge­gan­gen sind und nach denen die anti­ke Region Tripolitanien benannt ist. Unter der Kaiserdynastie der Severer erleb­ten sie Anfang des 3. Jahrhunderts ihre größ­te Blütezeit. Mit der Eroberung durch die Vandalen begann der wirt­schaft­li­che Verfall, da alle Befestigungen zer­stört wer­den muss­ten und die Städte nun den Angriffen der Kamelnomaden schutz­los aus­ge­lie­fert waren. Zwar kam Tripolitanien 535 unter byzan­ti­ni­sche Herrschaft und wur­de 590 Teil des Exarchates von Karthago, doch wur­de das Land schon 647 von den Muslimen erobert.

»Wer nach Libyen, dem viel­ge­lieb­ten, zu spät kommt, der wird es bit­ter bereuen«

Orakel von Delphi

Vor etwa 2800 Jahren nah­men sich Griechen die Mahnung der Pythia zu Herzen und segel­ten gen Süden, um die Cyrenaika zu besie­deln. Doch wäh­rend die dori­schen Tempel im ita­lie­ni­schen Paestum und auf Sizilien viel­be­such­te Touristenattraktionen sind, lie­gen Kyrenes mäch­ti­ge Bauten, dar­un­ter ein Zeustempel, Heiligtümer für Apollo und Demeter, Gymnasion und Theater, ver­waist am rau­schen­den Meer. Vor Beginn des Bürgerkriegs stör­te ab und zu die ein oder ande­re Studienreisegesellschaft für ein paar Stunden die Idylle, doch der­zeit wagt sich kein Kunstliebhaber in die noch immer umkämpf­te Region.

Nur ein Libyer hat im Lauf der Geschichte mehr Macht gehabt als Oberst Muammar el Gaddafi. Das aller­dings ist schon über 1800 Jahre her. 193 n. Chr. bestieg Septimius Severus, ein schwarz­bär­ti­ger dun­kel­häu­ti­ger Legionär aus Leptis Magna den römi­schen Kaiserthron, erober­te Mesopotamien für Rom und unter­warf die rebel­li­schen Beduinenstämme sei­ner Heimat. Septimius Severus hat der liby­schen Mittelmeerküste rund um die Hauptstadt Tripolis in anti­ken Zeiten sei­nen Stempel auf­ge­drückt wie vor ihm nur noch Kaiser Hadrian.

Leptis Magna

Man erreicht die immense, größ­ten­teils noch gar nicht aus­ge­gra­be­ne Römerstadt öst­lich von Tripolis auf einer viel befah­re­nen Straße, an der noch vor weni­gen Jahren nur ein unschein­ba­res Hinweisschild in ara­bi­scher Sprache den Weg wies. Beim Anblick der Ruinen von Leptis ver­sin­ken selbst abge­brüh­te Archäologen in roman­ti­schen Träumereien. Sogar Laien kön­nen sich hier ohne Computeranimation vor­stel­len, wie eine durch­ge­plan­te römi­sche Stadt ein­mal aus­ge­se­hen hat. Die Vandalen hat­ten hier ihrem Namen nur bedingt Ehre gemacht und ledig­lich auf dem Abriss der Stadtmauer bestan­den. So deck­ten schon im 6. Jahrhundert die Wanderdünen der Sahara die nach kur­zem byzan­ti­ni­schen Intermezzo auf­ge­ge­be­ne Stadt zu. Im 17. Jahrhundert ver­schiff­te ein die­bi­scher fran­zö­si­scher Konsul eini­ge aus dem Sand ragen­de Säulen nach Versailles.

Schon vor Septimius Severus, des­sen reich ver­zier­ter Triumphbogen die Kreuzung zwi­schen den bei­den römi­schen Hauptstraßen Cardo und Decumanus mar­kiert, war Leptis (das eigent­lich Lepcis hieß, aber falsch tran­skri­biert wur­de) nicht gera­de ein Provinznest gewe­sen: Ihrer hel­len Kalksteinbauten wegen leuch­te­te die „wei­ße Stadt“ den Seeleuten schon mei­len­weit vor ihrer Ankunft ent­ge­gen, und die größ­ten Thermen Nordafrikas waren schon unter Kaiser Hadrian nach 117 n.Chr. errich­tet wor­den. Besonders im Frühjahr, wenn es aus­gie­big gereg­net hat, sind die Wasserspiegelungen im Säulenwald rund um das Tepidarium, dem Übergangsraum zwi­schen Frigidarium (Kaltwasserbereich) und Caldarium (Heisswasserbereich), ein fes­seln­der Anblick. Hier ent­spann­te man sich und tausch­te den neu­es­ten Tratsch aus. Selbst Toilettensitze aus Marmor ent­deckt man hier! „Stille Häuschen“ waren in der Antike unbe­kannt, man saß ein­träch­tig neben­ein­an­der und sprach beim Geschäft übers Geschäft. Praktischerweise muss ganz in der Nähe der Thermen auch der Rotlichtbezirk der Stadt gele­gen haben. Man hat hier nicht nur vie­le Öllampen aus­ge­gra­ben, die expli­zit ero­ti­sche Motive zei­gen, son­dern fin­det auch immer wie­der Steine mit Phallussymbolen, die offen­bar als Wegweiser zu den Bordellen dien­ten, wie man das aus Pompeji kennt.

Oliven- und Getreideexporte hat­ten Leptis reich gemacht, unter Severus, der Leptis von Abgaben an Rom befrei­te, beher­berg­te die nach Karthago dritt­größ­te Stadt des römi­schen Weltreichs 100000 Bürger und min­des­tens genau­so vie­le Sklaven. Severus gab ein Heidengeld dafür aus, die Stadt sei­ner Geburt zur Rivalin Roms zu machen: wenigs­tens in archi­tek­to­ni­scher Hinsicht. Der schöns­te und teu­ers­te Marmor muss­te es sein: grau­grü­ner Cipollino (Zwiebelchen) aus dem heu­ti­gen Algerien, Rosenquarz aus dem ägyp­ti­schen Assuan, wei­ßer Marmor aus Carrara, alles aufs Feinste gemei­ßelt, kan­ne­liert, zise­liert und mit kunst­vol­len Kapitellen versehen.

Steingewordener Mythos

Wer am frü­hen Morgen kommt, wenn Hexenkraut und gel­ber Ginster ihre betö­ren­de Düfte ver­strö­men und der Säulenwald im rosa Licht der Morgensonne leuch­tet, erlebt den Zauber die­ses Weltkulturerbes völ­lig unge­stört. Abends glüht der Marmor in Orange, Ocker und Krapprot, und wie­der teilt man die um 210 n.Chr. ent­stan­de­ne, von Säulen gesäum­te Prachtstraße Via Colonnata und das im Vergleich zum eben­falls erhal­te­nen Alten Forum gigan­ti­sche, 100 x 60 Meter gro­ße, noch immer mit Marmorplatten beleg­te Severische Forum nur mit den Medusenhäuptern und Seeungeheuern der Marmormedaillons in den wie­der auf­ge­rich­te­ten Arkaden. Die groß­zü­gi­ge Severische Basilika wur­de in jus­ti­nia­ni­scher Zeit in eine rie­si­ge christ­li­che Kathedrale umge­stal­tet. Die seit­lich der bei­den Apsiden auf­ge­stell­ten mar­mor­nen Reliefpfeiler zäh­len zu den schöns­ten und fili­grans­ten Kunstwerken aus die­ser Zeit. Einer zeigt Gott Bacchus inmit­ten von Bachantinnen, Centauren und Weinreben, der gegen­über­lie­gen­de Pfeiler schil­dert die zwölf Heldentaten des Herakles. Zunächst tötet er den Nemeischen Löwen, in des­sen Fell er sich klei­det, dann kämpft er mit der neun­köp­fi­gen Hydra von Lerna, fängt die wind­schnel­le Kerynitische Hirschkuh und den Erymanthischen Eber ein, erlegt dann die Stymphalischen Vögel, rei­nigt die Ställe des Augias, indem er einen Fluss umlei­tet, fängt den kre­ti­schen Stier ein, erringt die Menschen fres­sen­den Rosse des Diomedes, erbeu­tet den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte und dann die Rinder des drei­lei­bi­gen Riesen Geryoneus, raubt die gol­de­nen Äpfel der Hesperiden und ent­führt schließ­lich den Unterweltshund Zerberus.

Antikes Shoppingcenter

Auf dem Macellum, dem Markt mit sei­nen zwei „Tholos“ genann­ten Oktogonen, kann man sich auf den stei­ner­nen Verkaufstheken mit Tierfüßen zwi­schen den Säulen der Portikus nie­der­las­sen und sich vor­stel­le, wie das vor 2000 Jahren war, als hin­ter den stei­ner­nen Verkaufstheken zwi­schen den Säulen die Metzger und Fischhändler ihre Ware anbo­ten, und ande­re Händler ihre saf­ti­gen Oliven oder schwe­ren spa­ni­schen Wein anprie­sen. Das Chalcidicum, gestif­tet von einem schwer­rei­chen Bürger namens Hiddibal Caphada, war eine regel­rech­te Einkaufspassage mit Arkaden und Läden, in denen Kostbarkeiten aus dem gan­zen Römischen Reich gehan­delt wurden.

Wer wirk­lich Sinn für Dramatik hat, der setzt sich auf die Stufen des Theaters, des­sen Bühnenwand man im Gegensatz zu Sabratha nicht wie­der auf­ge­mau­ert hat, und blickt auf das schäu­men­de Meer, das tief­blau zwi­schen der Säulenfassade glit­zert. Die bei­den lebens­gro­ßen Standfiguren der Dioskuren Kastor und Pollux aus Marmor sowie die Hermen-Büsten des Bacchus und Herakles, mit denen die Bühne seit­lich deko­riert war, wur­den aller­dings vor zehn Jahren in Museen ver­bracht. Vor Ort sind Kopien zu sehen. Lateinische Inschriften wohin das Auge schaut: Sie erleich­ter­ten den ita­lie­ni­schen Archäologen, die hier in den 20er und 30er Jahren „Aufbauarbeit“ leis­te­ten, die Aufgabe erheb­lich. Sehr zim­per­lich ging man aller­dings nicht zu Werke. Denn Mussolini, der das ab 1911 von ita­lie­ni­schen Truppen okku­pier­te Libyen als „vier­te Küste“ sei­nes Mare Nostrum ein­ver­leibt hat­te, war an der Legitimierung sei­ner „römi­schen“ Herrschaftsansprüche gelegen.

Prachtvolle Mosaiken

Vielleicht hat des­halb das natio­nal gesinn­te Libyen unter Gaddafi lan­ge die römi­sche Vergangenheit recht stief­müt­ter­lich behan­delt. Immerhin sind die kost­ba­ren Fundstücke im Archäologischen Museum von Leptis jetzt auch in Englisch beschrif­tet. Besonders inter­es­sant sind die Originalreliefs vom Triumphbogen des Septimius Severus, Statuen aus den hadria­ni­schen Thermen und der in der zen­tra­len Halle auf­ge­stell­te Marmorelefant. Dagegen ist die 18 km west­lich von Leptis Magna ent­deck­te Villa Selene nur mit einer schrift­li­chen Genehmigung der Antikenverwaltung in Leptis Magna mög­lich, die man sich unbe­dingt besor­gen soll­te, weil es hier herr­li­che Mosaiken in situ zu bewun­dern gibt, die neben geo­me­tri­schen Motiven auch Nillandschaften mit Pygmäen, Krokodilen und Ibissen zei­gen. Besonders schön sind die Darstellungen des pri­va­ten Wohntrakts im Westen: gut erhal­te­nen Wandmalereien mit Gladiatorenszenen und geo­me­tri­sche Bodenmosaiken, deren klei­ne Bildfelder mytho­lo­gi­sche Szenen zei­gen, so zum Beispiel die in einen Weinstock ver­wan­del­te Nymphe Ambrosia, die Lykurg mit ihren Rebranken fes­selt, um Dionysos vor ihm zu schüt­zen, Aion und die vier Jahreszeiten sowie das berühm­te gro­ße Bodenmosaik, das ein Wagenrennen zeigt, wie sie sicher­lich auch im Amphitheater von Leptis statt­fan­den, das öst­lich des Ruinenbezirks frei­ge­legt wor­den ist. Leider wer­den die Mosaiken nicht fach­ge­recht vor den Schuhen der Besucher geschützt, und ohne Führer fin­det man die nicht aus­ge­schil­der­te Villa nie im Leben.

Venus und Orpheus

Viele Schätze aus Leptis Magna sind im Nationalmuseum von Tripolis zu sehen. Dazu zählt die lebens­gro­ße Statue einer nack­ten Venus aus wei­ßem Marmor. Weitere Höhepunkte sind ein groß­for­ma­ti­ges Mosaik aus dem 3. Jahrhundert aus einer römi­schen Villa bei Zliten, nicht weit von Leptis, das in höchs­ter Detailfreude Meeresfrüchte und bru­ta­le Kampfszenen aus einem Amphitheater zeigt. Andere Säle zei­gen prä­sen­tie­ren erle­sen schö­ne Mosaiken aus den Villen von Leptis mit mytho­lo­gi­schen Szenen. Besonders kunst­voll ist das im Orpheus-Haus gebor­ge­ne Mosaik. Im Fries zeigt es Orpheus, der mit sei­nem Gesang die Tiere ent­zückt, wäh­rend die qua­dra­ti­schen Felder Stilleben mit Fischen und Szenen aus dem bäu­er­li­chen Leben dar­stel­len. Außerdem sind Medusenhäupter aus dem seve­ri­schen Forum sowie zahl­rei­che Standbilder von Göttern und Kaisern zu sehen, dar­un­ter die monu­men­ta­len Köpfe der Kaiser Augustus und Tiberius. Ein wei­te­res, außer­or­dent­lich schö­nes Mosaik aus dem 4. Jahrhundert wur­de in der Nil-Villa gefun­den und zeigt eine Löwenjagd.

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