Traumzeit in Arnhem Land

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Wer mehr als nur flüchtige „touristische“ Einblicke in die einzigartige Kunst der „Tjukurrpa“, der Traumzeit, mit nach Hause nehmen möchte, der braucht vor allem Zeit und viel Geduld. So war es ein selten gewährtes Privileg, mit Big Bill Neidjie, Mitglied des Buntitj-Clan des Gagudju-Stammes, die im urzeitliche Arnhem Land Plateau verbreitete Felskunst zu „erwandern“. Bill, der 2002 verstarb, war der letzte Mensch, der noch die Gagudju-Sprache sprach. Nach ihr ist der zum Weltkulturerbe zählende Kakadu National Park benannt: eine archaische Landschaft westlich des East Alligator River, mit Überschwemmungsebenen und urzeitlichen Felsmassiven.

Bill wur­de Anfang der 1940er Jahre initi­iert. Die tra­di­tio­nel­len Geheimnisse um die­se Darstellungen wur­den über vie­le Jahrtausende hin­weg von Generation zu Generation nur an Initiierte wei­ter­ge­ge­ben. Doch als Bill begriff, dass er der letz­te Hüter die­ser Geheimnisse sein wür­de, ent­schloss er sich, sie preis­zu­ge­ben. Zeit sei­nes Lebens trach­te­te Bill als Hüter des Parks dana­ch, den Besuchern von Kakadu die Liebe und Verbundenheit der Aborigines zu ihrem Land zu ver­mit­teln und das schon fast ver­schüt­te­te Wissen und die gefähr­de­te Natur zu bewah­ren.

Wie kein ande­rer Ort in Australien bie­tet der rie­si­ge, fast 20000 km2 gro­ße Nationalpark am 600 km lan­gen Steilabfall des urzeit­li­chen Arnhem-Escarpment Besuchern die Möglichkeit, künst­le­ri­sch fas­zi­nie­ren­de und bis zu 20000 Jahre alte Felsmalereien der Aborigines zu sehen, die ande­ren­orts nur schwer zugäng­li­ch oder für Besucher ganz tabu sind. Drei Stätten, Burrunguy (Nourlangie Rock), Nanguluwurr und Ubirr Rock, hat man der Öffentlichkeit zugäng­li­ch gemacht, um die vie­len ande­ren um so bes­ser schüt­zen zu kön­nen, mit denen die Aborigines nach wie vor eine enge Beziehung pfle­gen.

Zwei Hauptstilrichtungen im Kakadu National Park ler­nen auch Laien schnell zu unter­schei­den, den sehr alten „Mimi-Stil“, der stock­ar­ti­ge Geisterwesen abbil­det, und den jün­ge­ren, weit bekann­te­ren „Röntgenstil“. Hier bil­det der Künstler nicht nur die äuße­re Hülle des Körpers ab, son­dern auch das Knochenskelett und die inne­ren Organe. Die Aborigines ver­wen­de­ten dabei feuch­te Pigmentfarben, Rot und Ocker, wei­ßen Pfeifenton sowie schwar­ze Holzkohle oder Manganoxid.

Nourlangie Rock

Die meist­be­such­te Felskunststätte Australien ist Nourlangie Rock, ein steil über den Flutebenen auf­ra­gen­der zer­klüf­te­ter Sandsteinfelsen. Die Malereien am Anbangbang Shelter wur­den 1964 von dem gro­ßen, voll initi­ier­ten Felsmaler Najombolmi (um 1895–1987) neu auf­ge­tra­gen, auf viel älte­ren ver­wit­ter­ten Schichten. So so haben es die Aborigines seit je her gemacht, nur dass die „Auffrischung“ an ande­ren Orten wesent­li­ch län­ger zurück­liegt. Die Personen sind im Röntgenstil mit Brustgürtel und strah­len­ar­ti­gen Haaren abge­bil­det. Zwei Frauen sind als Zeichen der Fruchtbarkeit mit Milch in ihren Brüsten dar­ge­stellt. Hoch an der Wand erschei­nen mythi­sche Wesen. Die domi­nie­ren­de Figur, mit Skelett und gespreiz­ten Beinen dar­ge­stellt, ist Namandjolk, der gefähr­li­che Geist. Zu sei­ner Rechten erkennt man den „Blitzmann“ Namarrkon. Die aus sei­nem Kopf wach­sen­den und an Knien und Ellbogen befes­tig­ten Steinäxte schleu­dert Namarrkon in der Regenzeit in die Wolken, um damit den Blitz aus­zu­lö­sen. Die weib­li­che Figur mit gespreiz­ten Beinen ist Barginj, die Frau des Blitzmannes. Zur Linken des Hauptfries ist iso­liert eine ein­zel­ne männ­li­che Figur mit statt­li­chem Penis abge­bil­det. Dabei han­delt es sich um Nabulwinjbulwin, einen gefähr­li­chen Geist, der Frauen mit einer Yamwurzel schlägt und anschlie­ßend ver­spei­st.

Nangaluwurr

Wesentlich weni­ger häu­fig auf­ge­sucht wird der Felsüberhang von Nangaluwurr an der Nordseite des Nourlangie Rock. Hier sind eini­ge der Figuren im soge­nann­ten „dyna­mi­schen Stil“ abge­bil­det: Sie lau­fen über die Wand, tra­gen Kopfputz, Bumerangs und Speere. Etwas wei­ter unten erkennt man bös­ar­ti­ge männ­li­che und weib­li­che Geister. Die frap­pie­rends­te Darstellung ist ein in wei­ßem Ocker gemal­tes Schiff, das mit gebläh­ten Segeln die See kreuzt. Sogar der Anker mit Ankerkette und ein Beiboot sind abge­bil­det. Diese Malereien hat 1964 ein Freund von Najombolmi geschaf­fen, genannt „Old Nym“ Djumurrgurd, ein Wardag-Mann aus Arnhem Land. Auch hier ist die „Vorlage“ vie­le Jahrtausende alt.

Ubirr

Noch spek­ta­ku­lä­rer, und bis zu 20000 Jahre alt sind die Felsmalereien von Ubirr, dem Initiationsort von Bill Neidjie: ein etwas west­li­ch des East Alligator River gele­ge­ner Sandsteinfelsen. Die Südseite eines abge­spreng­ten Felsen ziert ein 240 cm lan­ger gel­ber Bogen mit roten Umrissen: die Regenbogenschlange. Bei den Gunwinggu des west­li­chen Arnhem Land wird sie als Fruchtbarkeitsmutter Ngalyod ver­ehrt, die mit den Regenstürmen nach der lan­gen Trockenzeit die Tiere und damit die Nahrung zurück­bringt. Nach dem Regen reckt sie sich hoch in den Himmel, damit alle sie sehen kön­nen.

Die Hauptgalerie befin­det sich unter einem tie­fen Überhang an der Südwestseite eines hohen iso­lier­ten Monolithen. Ein Fries mehr­far­bi­ger, sich über­la­gern­der Röntgenmalereien deko­riert die Wand. Die Szene beherr­schen Fische, vor allem Barramundi, außer­dem erkennt man Schildkröten, Känguruhs, Leguane und mensch­li­che Figuren. Einige Darstellung zeu­gen vom Kontakt der Aborigines mit indo­ne­si­schen Trepang-Fischern aus Makassar und euro­päi­schen Eroberern. Man erkennt Boote, Gewehre, Büffel und Pferde. Die klei­nen, mit wei­ßem Pfeifenton oder rotem Ocker gemal­ten Männer stel­len ohne Zweifel Europäer dar: Einer raucht Pfeife, ist beklei­det und steckt sei­ne Hände in die Hosentaschen, ande­re zei­gen eine typi­sch „wei­ße“ Überheblichkeitsgeste: Hände an den Hüften. Am lin­ken Ende des Felsüberhang ober­halb der Hauptgalerie ist die berühm­te Darstellung eines auf dem Kontinent schon seit vie­len Jahrtausenden aus­ge­stor­be­nen tas­ma­ni­schen Tigers zu sehen. In schein­bar uner­reich­ba­rer Höhe erkennt man eini­ge Mimi-Figuren. Diese Geistwesen bie­gen angeb­li­ch ein­fach den Felsen zu sich her­un­ter, um sich dar­auf zu ver­ewi­gen.

Gegenüber der Hauptgalerie führt ein Weg zu den Malereien auf der Hügelspitze, von der aus sich ein groß­ar­ti­ger Panoramablick auf die Flutebenen des Nationalparks eröff­net. Auf der fla­chen Rückwand eines offe­nen Felsüberhangs erkennt man ein weiß gezeich­ne­tes Fries uner­hört dyna­mi­scher Mimi-Figuren. In der Mitte des Frieses wur­den sie mit zwei dün­nen weib­li­chen Namarakain-Figuren mit Dreiecksgesichtern über­malt, die mit bei­den Händen ein magi­sches Band über ihren Kopf hal­ten.

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