Torres del Paine

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Mächtige Gletscher, glasklare, türkis und mintgrün schimmernde Seen, reißende Bergflüsse, subantarktische Tundra, Hochgebirge mit bizarren Fels­landschaften, üppige Südbuchen­wälder: Im Nationalpark Torres del Paine findet man wirklich alles, was die raue Schönheit Südpatagoniens ausmacht.

Paine bedeu­tet „him­mel­blau“. Diesen Namen haben die indi­ge­nen Aónikenk ein­st dem Paine-Massiv gege­ben, weil es beson­ders bei bewölk­tem Wetter bläu­li­ch leuch­tet. Entstanden ist es, als glut­flüs­si­ge Magma vom Erdinneren auf­stieg, durch eine dicke Sedimentkruste stieß und noch unter­halb der Oberfläche zu Granit erstarr­te. Über Jahrmillionen schlif­fen die Erosionskräfte der Gletscher das dar­über­lie­gen­de, wei­che­re Schiefergestein ab und form­ten die scharf­kan­ti­gen Felsspitzen. Die dunkle Felskappe der cuer­n­os ist ein Sedimentgestein, der Granit ist ocker­far­ben.

Flora und Fauna

105 Vogel-, 25 Säugetier- und etwa 200 Pflanzenarten hat man im Nationalpark gezählt, der fol­ge­rich­tig 1978 zu einem Biosphärenreservat der Unesco erklärt wur­de. Ähnlich wie rund um das Massiv von Cerro Fitz Roy und Cerro Torre in Argentinien bestim­men vier gro­ße Vegetationszonen den Nationalpark: Patagonische Steppe, prä­an­di­ne Gebüschzone (dar­un­ter zwi­schen September und Dezember far­ben­froh blü­hen­de Calafate-Sträuche, Fuchsien und Notros), laub­wer­fen­der Magellanwald mit Lenga, Ñirre und Coigüe sowie andi­ne Wüste unter­halb der Grenze des ewi­gen Schnees und Eises.

An Säugetieren trifft man vor allem Guanakos, Magellanfüchse, Pampafüchse, Kaphasen, Patagonische Skunks, Gürteltiere und Südandenhirsche (hue­mu­les) an. Vom Puma wird man allen­falls Tatzenabdrücke im fri­sch gefal­le­nen Schnee zu sehen bekom­men. Vögel ken­nen eben­falls kei­ne Grenzen, und so sind hier wie im benach­bar­ten Parque Nacional Los Glaciares der Kondor, der Ñandú genann­te Darwinstrauß, die Magellangans, der Schwarzhalsschwan, der Chile-Flamingo und der Smaragdsittich hei­mi­sch.

Raues Klima

150 000 Besucher zählt der Nationalpark jedes Jahr, dar­un­ter 70 % Ausländer. Die meis­ten kom­men in den Sommermonaten Januar und Februar. Dabei ist es eigent­li­ch im Frühling (Sep–Nov), wenn die Wildblumen blü­hen und die Winde nicht so hef­tig wehen, aber auch im küh­len, aber trotz­dem oft son­ni­gen und far­ben­fro­hen Herbst (März–April) schö­ner. Auch Mücken und Bremsen, die an son­ni­gen Tagen die Wanderer pla­gen, sind dann kein Problem. Der Park ist übri­gens auch im Winter nicht unzu­gäng­li­ch. Zwar sin­ken die Temperaturen dann auf den Gefrierpunkt und die Tage sind kurz, aber die Sonne scheint gar nicht sel­ten, und die im Sommer so hef­ti­gen Winde flau­en völ­lig ab. Regnen kann es aber das gan­ze Jahr über. Überhaupt ist das Mikroklima im Park völ­lig unbe­re­chen­bar und hängt von der Nähe zu einem Gletscher, Bergmassiv oder See ab. So kann am Lago Paine und der Laguna Azul die bren­nen­de Sonne die Temperaturen an wind­stil­len Tagen auf 25–30 °C trei­ben, wäh­rend Stunden spä­ter eisi­ger Wind Schnee und Graupelschauer vom Glaciar Grey her­un­ter­fegt.

O“ oder „W“?

Schon in Puerto Natales wird jeder, der ernst­haf­tes Trekking im Nationalpark ankün­digt, nach die­sen zwei Buchstaben gefragt. Circuito „O“ heißt die die mit Abstechern 125 km lan­ge kom­plet­te Umrundung der Torres und Cuernos vom Ausgangspunkt Laguna Amarga oder Hostería Las Torres gegen den Uhrzeigersinn. Theoretisch ist sie in 6 Tagen zu bewäl­ti­gen; kal­ku­liert man aber schö­ne Abstecher, Ruhetage und hart­nä­cki­ge Schlechtwetterphasen ein, sind 8 bis 10 Tage rea­lis­ti­scher. Echte Fans blei­ben sowie­so zwei Wochen. Den Paso John Garner (Höhe 1241 m), von dem sich ein fan­tas­ti­scher Blick auf den Glaciar Grey und das süd­li­che Eisfeld bie­tet, darf man aus Sicherheitsgründen (Verirrungsgefahr) nur in Begleitung ande­rer Trekker über­schrei­ten! Ansonsten ist die Route meist gut mit oran­ge­far­be­nen Punkten, Strichen, Steinhügeln oder Plastikfähnchen mar­kiert. GPS-Orientierung ist also über­flüs­sig. Größere Flüsse über­span­nen Hängebrücken, klei­ne­re Bäche muss man schon mal durch­wa­ten: sehr erfri­schen­de Kneipp-Kuren!

Wer es nicht ganz so anstren­gend mag, ent­schei­det sich für die Wanderung „W“. So heißt die „Light-Variante“, weil die vor­ge­schla­ge­ne mit­tel­schwe­re Trekkingtour zu den Highlights am Südrand des Massivs in etwa ein W beschreibt. Hier sind 4 bis 5 Tage rea­lis­ti­sch. Einsteigern sei emp­foh­len, zunächst ein­mal Eintagestouren auf dem „W“ zu den schöns­ten Aussichtspunkten anzu­ge­hen, damit man nicht erschöpft in den ent­le­gens­ten Regionen des Nationalparks stran­det. Außerdem kann man den „W“ auch ohne Zelt gehen. Schutzhütten müs­sen aber vor­ge­bucht wer­den und sind im Januar und Februar hoff­nungs­los über­füllt, sodass ein Zelt wesent­li­ch mehr Freiheit bie­tet.

Tagestouren

Die Refugios sind gute Ausgangspunkte für Tagestouren auf dem „W“ mit leich­tem Tagesgepäck. Ideal und schön gele­gen ist die moder­ne, wind­ge­schütz­te Paine Grande Mountain Lodge. Man erreicht sie bequem mit dem Katamaran, der von Pudeto (Koordinierung mit Busfahrplan) über den Lago Pehoé fährt. Von hier sind es nur Spaziergänge zum Salto Grande, dem größ­ten Wasserfall (ca. 15 m Höhe) im Nationalpark, sowie zum eine Stunde ent­fern­ten Mirador Nordenskjöld, von dem man direkt in das Valle del Francés blickt. In zwei Stunden kann man von der Mountain Lodge zum Mirador Grey wan­dern. Von hier bie­tet sich ein Traumblick auf den (auch mit Katamaran von der Hotel Lago Grey zugäng­li­chen) Glaciar Grey und die Berge auf dem Inlandeis. Eine gute Basis ist das Refugio Paine Grande auch für eine Tageswanderung in das traum­haft schö­ne Valle Francés. Zwei Stunden durch schö­nes Matorral-Buschland – mit Überquerung einer Hängebrücke – sind es zum Campamento Italiano am Talausgang. Von hier wan­dert man ent­lang einer Moräne direkt gegen­über des gran­dio­sen Hängegletschers Glaciar Francés berg­auf und anschlie­ßend durch schö­nen Lenga-Wald zum idyl­li­sch gele­ge­nen Campamento Británico (2 1/2 Std.). Eine Viertelstunde bzw. eine wei­te­re gute Stunde tal­auf­wärts gibt es Aussichtspunkte mit herr­li­chem Blick auf die Granitspitzen Aleta Tiburón und Castillo. Wer nicht zel­ten möch­te, schafft es am glei­chen Tag zurück zum Ausgangspunkt oder zum etwas nähe­ren, eben­falls guten Refugio Los Cuernos am Nordufer des Lago Nordenskjöld. Im Británico cam­pen lohnt sich aber, da die mäch­ti­gen Felswände bei Sonnenaufgang rot glü­hen.

Magischer Sonnenaufgang

Von der Hostería Las Torres bie­tet sich die Wanderung zum Campamento Chileno (2 Std.) und wei­ter durch das wun­der­schö­ne Valle Ascensio zum Campamento Torres (1 1/2 Std.) an. Von dort geht es in einer Stunde zum Mirador Torres. Diese Tagestour gilt als abso­lu­tes Highlight, denn vom Mirador prä­sen­tie­ren sich die drei Granitspitzen der Torres in all ihrer Pracht. Torre Central (2800 m), Torre Sur (2850 m) und Torre Norte (2600 m) stei­gen senk­recht über 1000 m ober­halb einer milch­grü­nen Lagune und einer Steilwand auf – dop­pelt so hoch wie die Südtiroler Drei Zinnen in den Dolomiten. Allerdings hül­len sie sich beson­ders nach­mit­tags oft in dich­te Wolken. Ein unver­gleich­li­ches Erlebnis ist es, sie im ers­ten Morgenlicht oran­ge­rot erglü­hen zu sehen. Dazu muss man im Campamento Torres sein Zelt auf­schla­gen und eine Stunde vor Sonnenaufgang (mit Taschenlampe) los­mar­schie­ren. Das letz­te Stück ist eine Stolper- und Rutschpartie über Geröll und Felsen. Hat man Pech mit dem Wetter, blei­ben die Torres grau. Eine Alternative ist die Wanderung vom Campamento Torres zum Campamento Japonés (bei Kletterern beliebt) ins ein­sa­me Valle del Silencio. Hier war­ten die kaum min­der ein­drucks­vol­len senk­rech­ten Wände von Fortaleza und Escudo.

Weitere Wanderungen

Nicht zum klas­si­schen „W“ gehö­ren die eben­falls sehr loh­nen­den Wanderungen zu wei­te­ren Aussichtspunkten rund um die Guarderías Lago Grey. Eine hal­be Stunde ist es von hier bis zum Mirador auf der Halbinsel Grey. Dabei über­quert man zunächst eine Hängebrücke, spa­ziert durch einen klei­nen Wald, in dem Smaragdsittiche (Cachañas) krei­schen, und kommt dann an einen Sandstrand. Ein klei­ner Felsen ragt in den See hin­ein, in dem im Spätfrühling noch Eisberge trei­ben. Hier ent­fal­tet sich ein herr­li­ches Bergpanorama mit den zwei­far­bi­gen Cuernos, dem Cerro Paine Grande und dem Glaciar Grey. Bei blau­en Himmel, beson­ders aber bei Sonnenuntergang, möch­te man hier stun­den­lang sit­zen blei­ben. Der Mirador ist auch mit der Fähre zu errei­chen, die zwi­schen dem Hotel Lago Grey, dem Grey-Gletscher und dem Refugio Grey pen­delt.

Nicht min­der berau­schend ist das Gesamtpanorama des Nationalparks, das sich auf der Wanderung von der Guarderías Lago Grey zum Mirador Ferrier (300 m) bie­tet (3 1/2 Std. hin und zurück).

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