The Timeless Land

0

Nein, die Bewohner der Antipoden laufen nicht kopfüber durch ihr Land, wie auf den alten Landkarten von Terra australis incognita zu sehen. Aber es sind schon viele Dinge anders im “Land Down Under”: Weihnachten feiert man im Sommer, Ostern im Herbst, der kalte Wind kommt aus Süden und der Mond geht “verkehrt herum” auf.

Den meis­ten Menschen fal­len zu Australien zual­ler­er­st die Känguruhs ein. Das Wappentier des 5. Kontinents muß denn auch für alle mög­li­chen Marktetingideen her­hal­ten. Nationalheiligtum sind aller­dings eher die Koalas, die aus­se­hen wie Teddybären, aller­dings auf Werbeplakaten häu­fi­ger auf­tau­chen als in frei­er Wildbahn. Das selt­sa­me Schnabeltier hielt man in Europa zunächst sogar für einen Witz der Zoologen. Diese für Europäer so kurio­se Tierwelt haben die Ureinwohner des Landes bereits vor über 20000 Jahren auf zwei Milliarden alten Felsen abge­bil­det. Die Kunst der Aborigines, die vor wenigs­tens 40000 Jahren den aus­tra­li­schen Kontinent betra­ten, hat die Briten nicht davon abge­hal­ten, Australien zur “Terra Nullius” zu erklä­ren, einem Land, das nie­man­dem gehör­te. Erst seit der Verabschiedung des Mabo-Gesetzes, das 1992 erst­mals die Landrechte der Aborigines aner­kann­te, schickt sich das wei­ße Australien an, den ers­ten Bewohnern des Fünften Kontinents Gerechtigkeit wider­fah­ren zu las­sen.

Angesichts der rie­si­gen Ausmaße Australiens, das etwa so groß ist wie die USA (ohne Alaska),  könn­te man mei­nen, es sei Platz genug für alle in die­sem ledig­li­ch gut 24 Millionen Einwohner zäh­len­den Land. Doch der Großteil ist staub­tro­cke­ner Outback, des­sen end­lo­se Weiten zwar die Touristen fas­zi­nie­ren, den Australiern jedoch eher unheim­li­ch sind. 80 Prozent von ihnen leben lie­ber an der “Bumerangküste” zwi­schen Adelaide und Brisbane, in den end­lo­sen Vorstädten der moder­nen Metropolen. Die meis­ten ken­nen Europa bes­ser als ihr rie­si­ges Hinterland. Nur ihre Mythen kom­men aus dem Outback, des­sen Pioniere einen heroi­schen Kampf gegen die wid­ri­ge Natur führ­ten.

Mythen der Traumzeit

Viel älter aber sind die frü­hes­ten künst­le­ri­schen Manifestationen der Ureinwohner: Sie sind Jahrtausende vor den Höhlenmalereien von Lascaux ent­stan­den. Für die Aborigines gibt es zwei eng mit­ein­an­der ver­floch­te­ne Zeitebenen: die aktu­el­le Gegenwart und die mythi­sche Traumzeit, in der schöp­fe­ri­sche Kräfte, die zumeist mensch­li­che und tie­ri­sche Eigenschaften ver­ein­ten, die Topographie des Landes präg­ten und den Menschen die heu­te noch zu befol­gen­den Gesetze mit­ga­ben. Die Menschen besa­ßen das Land nicht, sie gehör­ten zu ihm und ent­nah­men ihm nur, was sie zum Überleben brauch­ten. Familien- und Stammesbande regel­ten ihr Leben bis in alle Einzelheiten. Als die wei­ßen Eindringlinge die­se Verbindungen zer­stör­ten, ent­wur­zel­ten sie die Menschen und raub­ten ihnen die kul­tu­rel­le Identität. Den Rest besorg­ten Alkohol und euro­päi­sche Krankheiten. Heute ent­le­digt sich die wei­ße Gesellschaft ihres schlech­ten Gewissens mit wohl­mei­nen­den Sozialprogrammen, deren wenig über­zeu­gen­den Ergebnisse man im Slumviertel Redfern (Sydney) oder in den öffent­li­chen Parks der Outbacksiedlungen besich­ti­gen kann. Das Interesse der Touristen an der Traumzeitkultur wird von vie­len Australiern noch immer mit Kopfschütteln betrach­tet: Ob die Vermarktung uralter Symbole die Kultur der Aborigines ret­ten oder sie end­gül­tig zer­stö­ren wird, bleibt abzu­war­ten. Die künst­le­ri­schen Manifestationen in Zentralaustralien, im Northern Territory, in den Kimberley, aber auch in den tris­ten Suburbs der Großstädte las­sen aber auf einen “Bran Nue Dae” hof­fen. So lau­tet der Titel des ers­ten “schwar­zen” Musicals, das Jimmy Chi in Broome auf die Bühne brach­te.

Ankunft der Fremden

Über die für Aborigines belang­lo­se Frage, in wel­chem Jahrtausend die Kultur der Traumzeit begann, wer­den wei­ße Anthropologen wohl noch lan­ge spe­ku­lie­ren. Doch wann beginnt die Geschichte Australiens im euro­päi­schen Sinne?  Es war jeden­falls nicht James Cook, der als ers­ter Fremder aus­tra­li­schen Boden betrat. Immer wei­ter gehen die Forscher mitt­ler­wei­le zurück. Das chi­ne­si­sche Buch Shi-Tzu beschrieb schon 338 v.Chr. Känguruhs, Bumerangs und schwar­ze Hirse, die in Südaustralien wächst. Der ara­bi­sche Kartograph Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi aus Bagdad zeich­ne­te 820 n.Chr. die ers­te Karte, auf der die Umrisse der Nordküste Australiens erschei­nen. Auf der Toscanelli-Karte von 1474 glau­ben man­che Interpreten, Murray, Darling, Swan und Shoalhaven River wie­der­zu­er­ken­nen. Doch wer wäre da 300 Jahre vor Cook, 50 Jahre vor den ers­ten Europäern und Jahre vor der Entdeckung Amerikas durch Australien gezo­gen? Malaiische Fischer waren vor dem 16. Jahrhundert die ein­zi­gen Fremden, die nach­weis­li­ch aus­tra­li­schen Boden betre­ten haben.

Vermutlich haben die Portugiesen, die sich 1516 auf Timor fest­setz­ten, damals auch das gro­ße Südland ent­deckt. Seekarten waren in die­ser Zeit, als Spanien und Portugal die Welt unter sich auf­teil­ten, jedoch Staatsgeheimnisse. Unter dem por­tu­gie­si­schen Kapitän Luis Vaes de Torres segel­ten die Spanier 1606 durch die Torres Strait zwi­schen Cape York und Neuguinea, in der Folgezeit mach­ten die Holländer Bekanntschaft mit der West- und Südküste Australiens, und wäre die­se nicht so unwirt­li­ch gewe­sen, wür­de Australien wohl noch heu­te Neuholland hei­ßen. Abel Tasmans Landung auf Van Diemens Land (Tasmanien) blieb fol­gen­los. Selbst der Bericht von James Cook, der 1770 in der Botany Bay das Land als “New South Wales” für die bri­ti­sche Krone in Besitz nahm, wäre mög­li­cher­wei­se in der Ablage ver­schwun­den, hät­ten die ame­ri­ka­ni­schen Kolonisten nicht sechs Jahre spä­ter eng­li­schen Tee in den Bostoner Hafen gewor­fen. So aber fand England einen neu­en, noch wei­ter ent­fern­ten Ort, wohin es den Inhalt sei­ner über­füll­ten Kerker schi­cken konn­te. 1788 lief die First Fleet in den Hafen von Sydney ein. Van Diemens Land (1803) und die west­aus­tra­li­sche Swan River Colony (1829) wur­den haupt­säch­li­ch gegrün­det, um die Franzosen vor ähn­li­chem Tun abzu­hal­ten. Freie Siedler lie­ßen sich eini­ge Jahre spä­ter in Melbourne (1835) und Adelaide (1836) nie­der, dar­un­ter vie­le Deutsche. In der Folgezeit such­ten muti­ge Forschungsreisende nach Wegen durch das wüs­ten­haf­te Landesinnere. Dem Preußen Ludwig Leichhardt gelang 1844 die ers­te Durchquerung des Nordostens, Burke und Wills erreich­ten 1860 von Melbourne aus den Gulf of Carpentaria. Alle drei kamen auf spä­te­ren Expeditionen um. John MacDouall Stuart loka­li­sier­te 1860 als ers­ter das Zentrum Australiens, doch traf er eine Wüste an, nicht das erhoff­te Binnenmeer.

Goldrausch in Victoria

1851 war jedoch das eigent­li­che Schicksalsjahr Australiens. Goldfunde in New South Wales und Victoria lös­ten eine unge­heu­re Einwanderungswelle aus. Zwei Jahre spä­ter stell­ten die Briten ihre Deportationen ein, und in den fol­gen­de Jahrzehnten ent­wi­ckel­te sich Australien zu einer auf Arbeit und “Mateship” basie­ren­den ega­li­tä­ren Gesellschaft, die in der Rebellion von Eureka (1854) die aus­tra­li­sche Demokratie aus der Taufe hob. Keinen Platz in die­ser Gesellschaft fan­den jedoch die Aborigines. Die Idyllen des frü­hen Kolonialmalers John Glover, der in den 30er Jahren des 19. Jh. fried­li­ch fischen­de Ureinwohner in einer arka­di­schen Landschaft abbil­de­te, waren ver­lo­gen: Mit Gewehren und ver­gif­te­ter Nahrung lös­ten die Kolonisten das Problem, dass ihr Land bereits besie­delt war. Auch für die meis­ten Asiaten gab es in Australien lan­ge kei­ne Zukunft: ras­sis­ti­sche Attacken ver­trie­ben die meis­ten chi­ne­si­schen Goldgräber, und bei den auf den Zuckerrohrfeldern Queenslands wie Sklaven schuf­ten­den Melanesiern “bedank­te” sich das wei­ße Australien mit der Deportation. Von 1901 bis 1958 galt eine ras­sis­ti­sche “White Australia Policy”. Die aus­tra­li­schen Kolonien schlos­sen sich zwar 1901 zu einem Bundesstaat zusam­men, doch Großbritannien bestimm­te nach wie vor die Geschicke des Landes. Das sinn­lo­se Desaster an der tür­ki­schen Küste bei Gallipoli (1915), in das bri­ti­sche Generäle ein ver­ein­tes Korps von aus­tra­li­schen und neu­see­län­di­schen Soldaten (Anzac) schick­te, grub sich jedoch tief in die Psyche der Australier ein, begrün­de­te erst­mals ein aus­tra­li­sches Nationalgefühl und lös­te den lan­gen, bis heu­te nicht abge­schlos­se­nen Loslösungsprozeß vom bri­ti­schen Mutterland aus.

Im 2. Weltkrieg hielt man den japa­ni­schen Vormarsch in Papua Neuguinea auf: ohne die Hilfe der Briten. Doch in den 50er Jahren konn­ten die “Pommies” mit ihren Atomversuchen auf süd­aus­tra­li­schem Boden ihre tra­di­tio­nel­le “Terra-Nullius-Politik” fort­set­zen, und noch 1975 setz­te ein bri­ti­scher Gouverneur unge­straft einen demo­kra­ti­sch gewähl­ten aus­tra­li­schen Premierminister kur­zer­hand ab. Das ehr­gei­zi­ge Vorhaben, Australien zur Republik zu machen, wur­de wie­der auf die lan­ge Bank gescho­ben, und auch um die Rechte der Aborigines steht es nach wie vor nicht zum Besten. “So lan­ge wir wei­ßen Australier den schwar­zen Australiern ihre natio­na­le Identität nicht zurück­ge­ben, wer­den wir nie­mals unse­re eige­ne ein­for­dern kön­nen”, schrieb der Journalist John Pilger.

Wohin will Australien?

Noch immer sucht das von Minderwertigkeitskomplexen geplag­te Australien sei­nen Platz in der Welt. Die ver­stärk­te Einwanderung von Asiaten und die immer inten­si­ve­r­en Wirtschaftsbeziehungen mit Südostasien wer­den den 5. Kontinent wohl auf lan­ge Sicht zu einem Teil des – heu­te noch fik­ti­ven – “Australasia” machen. Ob und wie die Aussies ihr “Lucky Country” mit “Mateship”, “Fix-it” und “She’ll be right” im 21. Jahrhundert bewah­ren kön­nen, das dürf­ten auch die viet­na­me­si­sch, kan­to­ne­si­sch und taga­log spre­chen­den Neuankömmlinge ent­schei­den. Oder wird “no worries”, wie es der aus­tra­li­sche Journalist John Hamilton befürch­tet, wie­der ein­mal in Wirklichkeit hei­ßen: “We stuf­f­ed it up again?”

Comments are closed.