San Francisco Nice and Naughty

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Als das Loma-Prieta-Beben 1989 das Baseballspiel zwischen den San Francisco Giants und den Oakland A’s unsanft beendete, verließen die Zuschauer besonnen und in geordneten Reihen das durchgeschüttelten Coliseum-Stadion. Drei Wochen später gingen die World Series weiter und 64000 Zuschauer sangen gemeinsam mit den Jefferson Starship die neue inoffizielle „Stadthymne“ von San Francisco: „We built this city on rock and roll“. Einige hatten sicherheitshalber Schutzhelme auf, man weiß ja nie…

Besser lässt sich das Lebensgefühl der Stadt kaum beschrei­ben: San Francisco ist stän­dig in Bewegung, musi­ka­lisch wie seis­mo­lo­gisch. Und so stür­zen sich die Einwohner fast täg­lich in ihr Nachtleben, als könn­te schon mor­gen „The Big One“, das gro­ße Beben, dem Spaß ein Ende set­zen. Es könn­te in der Tat, doch das ist den Menschen von „Babylon by the Bay“, wie der berühm­te loka­le Klatschkolumnist Herb Caen die Stadt ein­mal nann­te, nur ein Achselzucken wert. Auf die zwei­te, noch heim­tü­cki­sche­re Bedrohung reagie­ren die San Franciscans mit lau­tem Pfeifen im Wald. Es gab Zeiten, da über­trumpf­ten sich die Menschen, ob gay oder nicht, gegen­sei­tig mit der Aufzählung ihrer an Aids ver­stor­be­nen Freunde und Bekannten. Heute wird man mit Aufklärungskampagnen gera­de­zu bom­bar­diert, doch wer einen Blick in die ein­schlä­gi­gen Szeneblätter wirft, stellt schnell fest, dass die Rubrik „nice“ mit wesent­lich weni­ger Zeilen aus­kommt als die Rubrik „naughty“.Selbst New Yorker bekom­men manch­mal tel­ler­gro­ße Augen ange­sichts des­sen, was sich in den Clubs von SoMa, Mission und Castro so alles abspielt, manch­mal gar auf offe­ner Straße.

Nice ist heiß!

Doch erst mal wie­der zurück in die Kategorie „nice“. Denn zunächst wird ein­mal geges­sen, das kommt in San Francisco vor Kultur und Nightlife dran. Das Schlemmen in einem der Luxusrestaurants, wo die Päpste der „neu­en kali­for­ni­schen Küche“ den Löffel schwin­gen, setzt lei­der gene­ral­stabs­mä­ßi­ge Planung vor­aus. Aber eigent­lich schmeckt es in den unzäh­li­gen Lokalen mit eth­ni­scher Küche eben­so gut, und das zu einem Bruchteil des Preises. Was darf es sein: ita­lie­nisch, fran­zö­sisch, chi­ne­sisch, japa­nisch, Thai, mexi­ka­nisch oder.…? San Francisco ist die kuli­na­ri­sche Metropole des Westens, selbst die Hamburger haben hier mehr Biss als anders­wo und die Burritos aus der Mission genie­ßen den glei­chen Kultstatus wie die Hotdogs von Coney Island. Wer ger­ne spät isst, kann Küche und Unterhaltung vor­treff­lich mit­ein­an­der ver­bin­den: in den unge­mein belieb­ten „Supper Clubs“ sind Jazz und Blues mit Retro-Flair eben­so ange­sagt wie Salsaparties, Tapas und Martinis, natür­lich geschüt­telt, nicht gerührt! Aber das wür­de man in die­ser unru­hi­gen Stadt auch nicht anders erwarten.

Naughty ist heißer!

Normale Restaurants lee­ren sich schon gegen halb neun, denn die Kultur war­tet. Die gro­ßen Theater rei­ßen sich in punc­to Avantgarde nicht gera­de ein Bein aus, was die ört­li­chen Kolumnisten auch tag­täg­lich bejam­mern, dafür ist alles, was mit Tanz zu tun hat, von erstaun­lich hohem Niveau, auch wenn man­che Aufführung in SoMa oder der Mission reich­lich skur­ril, tras­hy und oft nicht jugend­frei aus­fällt. Mancher Provinzler hat nach einem Besuch beschlos­sen, von nun an repu­bli­ka­nisch zu wäh­len, und man­cher Moralprediger hat sich schon mit hoch­ge­schla­ge­nem Mantelkragen in die Stripclubs am Broadway und in der Market Street geschli­chen, um gele­gent­lich mit hoch­ro­tem Kopf fest­zu­stel­len, dass die Ladies gar kei­ne waren. Aufrechte Straights haben es in Babylon manch­mal gar nicht leicht! Man muss schon Bescheid wis­sen: Die vie­len „Chamäleonclubs“ der Stadt wech­seln tag­täg­lich das Publikum, mal strai­ght, mal gay, mal mixed. Ein Tip für Straights: Je kri­ti­scher der Türsteher Ihr Outfit mus­tert, um so wahr­schein­lich ist es, dass im Club die „Breeders“ das Sagen haben, wenigs­tens momentan.

Die hei­ßes­ten Events, ob gay oder strai­ght, sind oft nur per Mundpropaganda, Flyer oder Stunden vor­her über das Internet zu erfah­ren. Natürlich gibt es die bekann­ten, eini­ger­ma­ßen ver­läß­li­chen Adressen, doch von den wirk­lich ange­sag­ten Clubs krie­gen die „Bay & Bridge People“ (Vorstadtheinis) erst etwas mit, wenn die­se schon wie­der mega­out sind. Vielleicht sind die Clubs von San Francisco des­halb oft erstaun­lich unprä­ten­ti­ös: Wer sie gefun­den hat, ist meist cool genug, um auch rein­ge­las­sen zu wer­den. Schwarz ist übri­gens Trumpf, das gilt für die Oper eben­so wie für den Fetischclub!

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