San Francisco Dreaming

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Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Golden Gate Bridge in hauchzartes Rosa, an der Waterfront laden die letzten Fischer der Stadt ihren Fang aus, die ersten Jogger saugen die würzige Luft im Golden Gate Park ein, die letzten Nachtschwärmer von SoMa und Castro taumeln aschfahl nach Hause und im Hippieviertel Haight Ashbury ist die Power noch mauer.

Immerhin, aus man­chem ita­lie­ni­schen Café von North Beach strömt bereits ver­füh­re­ri­scher Espressoduft, im Nobelviertel Pacific Heights gehen Dalmatiner und Afghanen mit ihren fit­neß­stu­dio­ge­stähl­ten stroh­blon­den Frauchen Gassi und im Washington Square Park ver­sam­meln sich Asiaten zum laut­lo­sen T’ai Chi. Noch ist die Stadt so ruhig, daß selbst in der Hochhausschlucht der California Street das melo­di­sche Bimmeln der Cable Cars schon von wei­tem zu hören ist. Ganz uname­ri­ka­nisch nimmt sich San Francisco Zeit mit dem Aufstehen, die Morgenhektik fin­det woan­ders statt.

Pendeln mit Aussicht

Die „Bridge & Tunnel People“ müs­sen näm­lich frü­her auf­ste­hen. Trotz eines uname­ri­ka­nisch vor­bild­li­chen Schnellbahnsystems und elek­tro­ni­scher Verkehrsleitsysteme per Internet quä­len sich immer noch eine Viertelmillion Autofahrer aus wie­der­um sehr ame­ri­ka­ni­schen, gesichts­lo­sen Mittelklassevorstädten wie Fremont und Richmond um die­se Zeit über die Freeways der Bay Bridge und wid­men der glor­rei­chen, im Licht der Morgensonne auf­glü­hen­den Skyline von Downtown weit weni­ger Beachtung als den gefürch­te­ten gol­de­nen Helmen der California Highway Patrol, denn die­se Jungs sind schon um die­se Zeit hell­wach. Wehe dem, der sich auf der fast lee­ren Freifahrtspur der Carpooler, die wenigs­tens zwei Mitfahrer im Auto haben (auch das sehr uname­ri­ka­nisch), über die Brücke mogelt!

Ähnlich hek­tisch geht es auf der Golden Gate Bridge zu, nur der Ausblick ist noch auf­re­gen­der, es sei denn, die Stadt spielt wie­der mal Haschmich im Seenebel. Also nichts wie rein in die halb­lee­ren Cable Cars, bevor gegen acht die ver­zwei­fel­te Jagd der Einheimischen um die weni­gen Parkplätze in Downtown ein­setzt! Immerhin, im Gegensatz zu New York schal­ten San Francisco um die­se Zeit nicht auf Dauerhupmodus, und Fußgänger wer­den allen­falls von Fahrradkurieren über den Haufen gefah­ren, die hier wie über­all nur eine Verkehrsregel ken­nen: „Time is money!“

In den Cafés sieht man das nicht so eng. „Espresso“ ist hier nur der Kaffee, ansons­ten läßt man sich Zeit mit dem Wachwerden. Noch voll der ers­ten fas­zi­nie­ren­den Eindrücke darf man bei einem Latte mac­chia­to dar­über nach­den­ken, war­um in San Francisco nicht nur der Kaffee anders ist als im Rest der USA. Gewiß, New York ist ein Kapitel für sich, aber San Francisco bleibt die schöns­te Stadt der USA, da sind sich alle einig. Europäer packt hei­mat­li­che Nostalgie: alte Häuser, stei­le Stufen, und ein Auto braucht man hier auch nicht. Die Provinzler aus Kansas und Idaho fin­den sowie­so alles „gre­at“ und „exci­ting“ hier, ja selbst die New Yorker grum­meln etwas von anstän­di­ger Küche und dem bes­ten Nachtleben west­lich des Mississippi, ach was, des Hudson River.

Eine irrsinnige Stadt

Es ist schon wahr: mehr eth­ni­sche und kul­tu­rel­le Vielfalt fin­det sich in Amerika nur noch auf der Insel Manhattan, mit dem Unterschied, dass man in San Francisco auch ohne Taxi bin­nen weni­ger Minuten von China über Italien nach Mexiko kommt. Die gan­ze Welt hat sich in den vik­to­ria­ni­schen grell­bun­ten Puppenhäuschen, den „Painted Ladies“, nie­der­ge­las­sen. „Irrsinnige Stadt, größ­ten­teils von kom­plett ver­rück­ten Leuten bewohnt, mit Frauen von bemer­kens­wer­ter Schönheit“, urteil­te der Schriftsteller Rudyard Kipling. Frauen… nun ja: In die­sem Käfig vol­ler Narren schaut man bes­ser zwei­mal hin. Nicht alles, was weib­lich aus­sieht, ist es auch. Außer viel­leicht in Marina und Sunset, den wind­zer­zaus­ten Rückzugsgebieten der „nor­ma­len“ Mittelklasse, die über­all in Amerika den Ton angibt, hier aber Minoritätenschutz rekla­miert. Die bigot­ten Prediger der Moral Majority haben in San Francisco wenig zu mel­den, hier erwischt man sie eher: zur fal­schen Zeit an der fal­schen Stelle.

Alles halb so wild: Die grau­me­lier­ten Helden der Beat Generation schre­cken kei­nen Spießbürger mehr mit bekiff­ten „Howls“, und selbst in „The Haight“ trägt kei­ner mehr Blumen im Haar. Doch die Toleranz ist geblie­ben: Die Hispano-Machos in der schril­len Valencia Street fin­den nichts dabei, am Burritostand fried­fer­tig mit täto­wier­ten Lesben und aus­ge­flipp­ten Musikern zu plau­dern. Aber wehe, sie rauchen!

Out of America

Liegt San Francisco in Amerika? „So gera­de eben“, sagt der Seismologe. Ein paar Meilen süd­west­lich der City steigt der Andreas-Graben aus dem Meer, der die ame­ri­ka­ni­sche von der pazi­fi­schen Kontinentalplatte trennt. Dass von da aus dem­nächst wie­der ein Ruck durch die Stadt geht, dar­auf kön­nen die Einwohner dan­kend ver­zich­ten. Amerika wur­de von San Francisco oft genug wach­ge­rüt­telt: mit Nuggets, Gedichten, Blumen, LSD, HIV und Silikonchips. Selbst aber will man lie­ber blei­ben, was man hier zwi­schen Bay und Pazifik immer war: ein wenig „Out of America“.

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