Nebel in San Francisco

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Auf den wenigen Grünflächen rund um die Hochhäuser des Financial District strecken mittags die Angestellten der Banken und Büros die Füße von sich, um ihr Lunchpaket zu verzehren, etwas verschämt genießen die modernen Outlaws Kaliforniens im Schatten der Glastürme ihre Zigarette, da passiert es plötzlich. Zuerst nur ein paar unschuldige tiefe Wölkchen, und dann fällt graue kalte Watte wie ein Remake aus „Nebel des Grauens“ über die Stadt her.

Amüsiert bli­cken die Einwohner auf das immer­wäh­ren­de Schauspiel der in T-Shirts und kur­zen Hosen schlot­tern­den Touristen, die bei „kali­for­ni­schem Sommer“ wohl zu sehr die Beachbabes aus Baywatch im Sinn hat­ten. Dumm gelau­fen, in Nordkalifornien wür­de sich kei­ne Pamela Anderson ins eisi­ge Wasser von Pazifik und Bay wagen. Denn gen­au das ist schuld am Wettersturz, der im Sommer beson­ders frap­pie­rend aus­fällt. Schon Mark Twain läs­ter­te über den Sommer in San Francisco als käl­tes­ten Winter, den er je ver­bracht habe. Na schön, Kälte ist rela­tiv, doch nir­gend­wo auf der Welt friert man bei 14 Grad plus mehr als hier. Besonders im Juli und August ist der Nebel ein treu­er Begleiter. Meist kommt er gegen Mittag auf, um irgend­wann am nächs­ten Tag zu ver­schwin­den. Oft aber auch frü­her.

50 Shades of Nebelgrau

Grauer Himmel, Trübsal, Langeweile? Von wegen! Der Nebel hat unend­li­che Facetten und schlägt meist sehr selek­tiv zu. Im Schutz des Russian Hill in North Beach bleibt es oft son­nig, eben­so im Mission District. Letzterer sieht bei Sonne auch wirk­li­ch bes­ser aus, da leuch­ten die bun­ten vik­to­ria­ni­schen Straßenzüge mit ihren berühm­ten Wandmalereien ein­fach schö­ner, und die Latinas sol­len in ihren knap­pen Röcken ja auch nicht frie­ren. Auch die Violettöne im Hippieviertel Haight-Ashbury kom­men im Nebel nicht so gut und Joints wär­men schlech­ter als eine Tasse hei­ßer Tee.

In den oze­an­na­hen Neighborhoods Marina, Pacific Heights und Sunset schlot­tert man auf jedem Fall, doch die Hochhäuser in Downtown sor­gen für Abwechslung. Bibbernd spa­ziert man eine Straße ent­lang, biegt um die Ecke und plötz­li­ch lacht die Sonne! Wer lie­ber auf Nummer sicher geht, fährt rüber nach Oakland, Berkeley oder Sausalito, und wenn das nicht hilft: Im Napa Valley ist es garan­tiert warm und tro­cken.

Aber war­um eigent­li­ch dem Nebel ent­flie­hen? Er gehört zu San Francisco wie Cable Car und Golden Gate. Wie Sam Spade ali­as Humphrey Bogart im Trenchcoat durch das düs­te­re Tenderloin spa­zie­ren hat doch auch was, und kei­ne Sorge, man kommt (meist) lebend wie­der raus! Oder rauf auf ein Hochhaus: oft liegt der Nebel so tief, dass man die in Watte gepack­te Stadt von oben im glei­ßen­den Sonnenlicht betrach­ten kann.

Und dann sind da die Museen: Bald wünscht man sich mehr Nebeltage, denn es gibt viel zu viel zu ent­de­cken, zu erle­ben, anzu­fas­sen. Das tech­nik­ver­narr­te San Francisco strengt sich aber auch wirk­li­ch an: Selbst ein simu­lier­tes Erdbeben ist im Angebot, denn ech­te „Quakes“ sind gott­lob sel­te­ner als Nebeltage, obschon die Gläser im Schrank gele­gent­li­ch zu klir­ren begin­nen, ohne daß jemand davon Notiz nimmt. Wer weiß, viel­leicht ist nach dem Kultur- oder Techniktrip der Nebel schon wie­der weg, und die Museen lie­gen prak­ti­scher­wei­se in den schöns­ten Parks der Stadt. Wer nicht lau­fen mag: Pferde, Drahtesel, Inline-Skates und Ruderboote ste­hen zur Verfügung.

Zukunftssorgen?

Immer noch grau in grau? In den Cafés der Stadt kann man wun­der­bar einen Tag ver­trö­deln. Beim hei­ßen Irish Coffee läßt sich die gan­ze Palette der ein­hei­mi­schen Bevölkerung stu­die­ren, denn ins Café gehen alle und so oft, dass man sich fragt, wann die Leute eigent­li­ch alle arbei­ten. Gut mög­li­ch, dass man in ein Gespräch ver­wi­ckelt wird, doch nach Daddy, Schule und Geld fragt hier kei­ner. Tut man nicht, gehört sich nicht und spielt auch kei­ne Rolle: Hey Mann, das ist San Francisco, wer­de nach dei­ner Fasson selig! Doch ganz so sor­gen­frei und zukunfts­si­cher ist das Leben an der Bay nicht. Natürlich geht es allen „fine, thanks“, wie über­all in Amerika wahrt man auch hier die Fassade des „Cheese-Lächeln“. Doch wer weiß, nach dem drit­ten Kaffee erfährt man doch von der heim­li­chen Sorge der San Franciscans, zur rei­nen Touristenstadt zu wer­den, zum Disneyland für all die Pappnasen wei­ter öst­li­ch. Bitte nicht miss­ver­ste­hen, Touristen wer­den hier sehr freund­li­ch behan­delt, und das nicht nur, weil sie jähr­li­ch Milliarden in die Stadtkasse spü­len. Doch ein neu­er­li­ches Erdbeben könn­te den Fluss zum Versiegen brin­gen, und dann feh­len die Alternativen und Ressourcen für den Wiederaufbau. Die Geschäftsgründungen in SoMa sind zwar höchst inno­va­tiv, aber High Risk. So man­cher Gameboy jon­gliert hier mit Millionen und ist nach weni­gen Monaten schon wie­der weg vom Fenster.

Bridge & Tunnel People

Eine erkleck­li­che Zahl von Einwohnern pen­delt längst in umge­kehr­ter Richtung, näm­li­ch raus aus der Stadt, ins Silicon Valley oder nach Pleasanton, wo moder­ne Softwareschmieden und Genlabors locken. Die Vororte sind grün, die Häuser grö­ßer und bil­li­ger, und die Kriminalität für ame­ri­ka­ni­sche Verhältnisse recht nied­rig. Auch hier geht das „Los-Angeles-Syndrom“ um: Von der schö­nen City wol­len vie­le in ihren nebel­frei­en Suburbs nichts mehr wis­sen und bekämp­fen sogar den Ausbau der moder­nen Schnellbahn BART, die nur „das auto­lo­se Gesindel anlockt“.

Stickig wird’s drin­nen in den Cafés wegen des abso­lu­ten Rauchverbots eher sel­ten, falls doch, ver­treibt Baker Beach mit einem Frischluftschock die Kopfschmerzen. Golden Gate Bridge in der Abendsonne, das macht den Kopf wie­der frei. Schließlich war und ist sie das Symbol des kali­for­ni­schen Optimismus, die „Brücke, die nicht gebaut wer­den konn­te“. Natürlich konn­te sie doch, nur das Wasser bleibt davon unbe­ein­druckt eisig. Der Wind pfeift hef­tig und nach einer Stunde Spaziergang stellt sich der Appetit fürs Abendessen dann ganz von allein ein.

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