Nach Moskau!

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Здравствуйте! Schon steckt der Moskaubesucher mitten drin im ersten und gar nicht so kleinen Problem! Wirklich fast alles ist hier nur auf Kyrillisch beschriftet, und so heißt es vor der Reise Buchstaben büffeln, damit Sie nicht bei Ihrer ersten Metrofahrt Eingang und Ausgang verwechseln. So wie es mir erging auf meinem ersten Besuch im noch sowjetischen Moskau, das tatsächlich im November genauso grau war, wie man es aus amerikanischen Filmen kennt.

Wer da glaubt, Berlin hät­te in den letz­ten 25 Jahren die dra­ma­tischs­te Veränderung in Europa erlebt, der war nie in Moskau! Und gen­au das fas­zi­niert mich bis heu­te an die­ser oft so rüden Elfmillionmetropole, die wenig Zugeständnisse an Touristen macht. Geweckt hat mei­ne Moskausehnsucht aus­ge­rech­net ein fran­zö­si­sches Chanson: „Nathalie“ von Gilbert Bécaud. Das besun­ge­ne „Café Pushkin“ mit sei­ner traum­haf­ten hei­ßen Schokolade, das gab es damals aller­dings noch nicht.

Nicht nur die Schokolade im „Pushkin“, auch der Blick auf den Kreml im Morgengrauen gehört zu mei­nen Ritualen in Moskau. Von der Fußgängerbrücke, die über die Moskwa zur mäch­ti­gen Christ-Erlöser-Kirche führt, bie­tet sich ein hek­tik­frei­er Milliarden-Rubel-Blick auf die rot­bes­tern­ten Türme und die gol­de­nen Kuppeln des illu­mi­nier­ten Kreml. Auch der Rote Platz ist dann oft men­schen­leer. Es lohnt sich, abends wie­der zu kom­men, denn die Stadtverwaltung fin­det stän­dig Gründe, den Kreml in magi­scher Lichtspiele zu tau­chen.

И не знаешь ты, что зарей в Кремле
Легче дышится – чем на всей земле!

Und du weißt nicht, dass beim Morgenrot im Kreml
es sich leich­ter atmet, und nur hier allein!

Marina Zwetajewa

Auch für die prunk­vol­len Metrostationen ist früh­mor­gens die bes­te Zeit, denn spä­ter, im Berufsverkehr, zei­gen sich die Moskowiter von ihrer rup­pigs­ten Seite. Da wird geschub­st und gedrän­gelt, und eine lächeln­de Entschuldigung mit einem miss­traui­schen Blick quit­tiert. Doch um 5 Uhr kann es gelin­gen, die Majakowskaja fast ohne Passagiere zu genie­ßen. Für mich ist sie die schöns­te Metrostation der Welt. Dabei ist ihre zeit­lo­se Eleganz in schlimms­ten Stalinzeiten ent­stan­den.

Der poli­ti­sche Wind weht neu­er­dings wie­der rau­er in Moskau, wo die Mosaikenbilder in der Metrostation Kiewskaja eine 2014 brü­chig gewor­de­ne Freundschaft zwi­schen Russland und der Ukraine beschwö­ren. Die alten Sowjetzeiten will zwar (fast) nie­mand zurück, aber noch heu­te demons­triert das Museum für Kosmonautik im Allrussischen Ausstellungszentrum mit sei­nem küh­ne Raketenschweif die Höhenflüge der zer­fal­le­nen UdSSR. Deren poli­ti­sche Helden – in Bronze und Stein –däm­mern inzwi­schen im Skulpturenpark neben der Neuen Tretjakow-Galerie vor sich hin. Hier hän­gen die atem­be­rau­ben­der Werke der rus­si­schen Avantgarde, der Stalins Kunstgeschmack bald die Luft zum Atmen nahm. Goodbye Lenin? Die Schlangen vor dem Mausoleum des Revolutionsführers wer­den wie­der län­ger…

Die Kontraste in Moskau sind oft kaum zu fas­sen. Zwischen dem berüch­tig­ten Lubjanka-Gefängnis und den luxu­riö­sen Einkaufspassagen, in denen unglaub­li­ch schö­ne Frauen das Geld ihr eben­so unglaub­li­ch rei­chen Freunde aus­ge­ben, lie­gen nur weni­ge Meter. Von den atem­be­rau­ben­den Skybars der Stadt blickt man auf eine Stadt, die abends mit Paris um den Preis der Lichterstadt Europas wett­ei­fert, und in eini­gen der Stalin-Hochhäuser bedie­nen heu­te west­li­che Hotelketten die ver­wöhn­ten Kunden der Oligarchen, deren an Dubai und Shanghai erin­nern­der Wolkenkratzertraum „Moscow City“ eben­falls nachts im Lichtermeer am beein­dru­ckends­ten aus­sieht.

Demokratisches Moskau

Teures Moskau? Das Zauberwort lau­tet „demo­kra­ti­sch“, wobei weni­ger die poli­ti­schen Verhältnisse, son­dern Preise, die sich auch das Volk leis­ten kann. Der Eintritt in die Wohnhausmuseen von Puschkin, Andrej Bely, Michail Lermontow, Maria Zwetajewa und Alexander Skrjabin im alten Arbat-Viertel ist ganz bestimmt demo­kra­ti­sch, aller­dings wird hier jeder Federkiel von stren­gen Babuschkas in Pantoffeln und Filzstrickjacke bewacht: ein hart­nä­cki­ges Relikt der Sowjetzeit. Auch im Puschkin-Museum der Bildenden Künste und in der Alten Tretjakow-Galerie pas­sen die „Großmütterchen“ wie Schießhunde auf, dass nie­mand Schliemanns Goldschatz oder den Ikonen von Andrek Rubljow zu nahe tritt.

Ansonsten gilt: Es muss nicht immer das Bolschoi sein! Ein Konzert von abso­lu­tem Weltrang im Konservatorium ist eben­so erschwing­li­ch wie das Kulturangebot im Gorki Park, des­sen Neugestaltung Milliardär Abramovitsch unter sei­ne Fittiche nahm. Hier trifft man lächeln­de Moskowiter! Die Frauen der Oligarchen sor­gen wie­der­um dafür, dass in Moskau die moder­ne Kunstszene boomt. Als der rus­si­sche Geldadel 2008 den Gürtel kurz­fris­tig enger schnal­len mus­s­te, war das aber eben­falls ein Segen. So wur­den auf dem Areal der Schokoladenfabrik „Roter Oktober“ an der Westspitze der Moskwa-Insel die ange­dach­ten Geschäfts- und Wohnhäuser für die „Nuworischi“ nicht gebaut. Stattdessen zog Moskaus krea­ti­ve Szene in die lee­ren Hallen ein. An war­men Sonnentagen ist die Terrasse der Bar Strelka gera­de­zu ein Hochgenuss. Überhaupt ist der Spätsommer in Moskau mei­ne Lieblingszeit. Anfang September sind die fri­sch gebräun­ten Moskowiter noch in Urlaubslaune, und auf dem Märkten bie­ten die Babuschkas kör­be­wei­se unver­gleich­li­ch lecke­re Beeren aus den Wäldern feil. 

до скoрого? (Bis bald?)

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