Mediterrane Eloge

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“Wie berühmt bist du, Archipelag und Mittelmeer, in der Geschichte des menschlichen Geistes!” schwärmte Herder. Seit Jahrtausenden sind die lichten Gestade des Mittelmeers, vom Heiligen Land bis zu den atlantischen Säulen des Herakles, ein Ort der Begegnung zwischen Orient und Okzident.

Am Mittelmeer trat Europa aus dem Dunkel der Geschichte. In der süd­li­chen Ägäis ent­wi­ckel­te es sei­ne ers­te Hochkultur, auf Attika ver­tei­dig­ten die Griechen Individualismus und die Demokratie, ihre Suche nach dem „Wahren und Schönen“ vor dem Ansturm der asia­ti­schen Despotie. Um die Zeitenwende herrsch­ten die Römer über das gesam­te „Mare Nostrum“, was die Ausbreitung des Christentums sehr begüns­tig­te. In der Toskana fand ein gutes Jahrtausend spä­ter die viel­leicht größ­te Revolution statt: Hier ent­deck­te die Renaissance den Menschen wie­der als Individuum und rück­te ihn selbst in den  Mittelpunkt sei­ner Existenz.

Kultur aus vier Jahrtausenden

Philosophie und Kunst die­ser vom Klima so begüns­tig­ten Region haben die euro­päi­sche Kultur über vier Jahrtausende geprägt. Augenfällig wird das beson­ders in der Architektur. Die Ruinen anti­ker Tempel, Theater und Villen säu­men den gesam­ten Mittelmeerraum. Von Damaskus bis Granada sind die Moscheen und Paläste des Islam, aber auch mäch­ti­ge Bollwerke der Kreuzritter zu besich­ti­gen. Die Architektur der Renaissance, des Barock, des Klassizismus wur­de am Mittelmeer gebo­ren. Zu wel­chen Höhenflügen die medi­ter­ra­ne Kunst fähig war, zei­gen die ver­schwen­de­ri­sch aus­ge­stat­te­ten Museen: Kretische Fresken, grie­chi­sche Götterstatuen, etrus­ki­sche Vasen, römi­sche Mosaiken, byzan­ti­ni­sche Ikonen, ara­bi­sche Kalligraphien, roma­ni­sche Madonnen, Michelangelos David bis hin zu den Gemälden Modiglianis und Picassos.

Drei Weltreligionen haben sich im Mittelmeerraum ent­fal­tet. Im 10. Jahrhundert zähl­ten die anda­lu­si­schen Städte Córdoba und Sevilla zur kul­tu­rel­len Speerspitze Europas und bewie­sen, dass Christen, Juden und Muslime sehr wohl fried­li­ch zusam­men­le­ben kön­nen, im 13. Jahrhundert träum­te Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen auf Sizilien vom Ausgleich zwi­schen Orient und Okzident: ver­geb­li­ch in einer Zeit, die von reli­giö­ser Intoleranz bestimmt war. Bis heu­te ver­läuft quer durch das Mittelmeer die Trennlinie zwi­schen Christentum und Islam, und sie ist fast iden­ti­sch mit der Grenze zwi­schen Arm und Reich: Die Bürgerkriege im ehe­ma­li­gen Jugoslawien, in Libyen und Syrien zei­gen, wie pre­kär das Zusammenleben auch heu­te noch sein kann, ob man nun reli­giö­se oder eth­ni­sche Gründe vor­schiebt.

Rom Stadtpanorama

Rom Stadtpanorama

Die große Handelsroute

Kriege haben den Mittelmeerraum zu allen Zeiten erschüt­tert. Die Perser zogen gegen Athen, die Römer gegen Karthago, die Goten erober­ten Rom, die Araber Spanien, die Kreuzfahrer Palästina, die Türken den Balkan. In der Antike lie­fer­ten sich die grie­chi­schen Stadtstaaten eben­so sinn­lo­se Kämpfe wie im Mittelalter Pisa gegen Genua. Dabei wuss­te man zu aller Zeit, um wie viel pro­fi­ta­bler der Frieden ist. Die Handelsschiffe der Phönizier, Griechen, Venezianer, Genuesen und Katalanen ver­sorg­ten Europa mit den Schätzen des Morgenlands, bis der Aufstieg des otto­ma­ni­schen Reichs und die Piratengefahr das Abendland zwang, neue Wege nach Asien zu suchen. Nach der Eröffnung des Suezkanals wur­de das Mittelmeer wie­der eine der wich­tigs­ten Handelsrouten der Welt: Hafenstädte wie Marseille, Barcelona und Genua schwam­men gera­de­zu im Geld. Heute leben die Küsten und Inseln des Mittelmeers von moder­nen Völkerwanderungen: Allein auf Mallorca ver­brin­gen Millionen blei­cher Nordländer ihren Urlaub unter der süd­li­chen Sonne.

Vielfalt der Küsten

An die 4000 Kilometer tren­nen die Straße von Gibraltar im Westen vom Golf von Iskenderum im Osten. Dementsprechend groß ist die land­schaft­li­che Vielfalt der Küsten. Weite Sandstrände prä­gen die spa­ni­sche Costa Blanca und die nörd­li­che ita­lie­ni­sche Adria, zer­klüf­te­te Karstbuchten und Inselchen die Küste Dalmatiens, ein üppi­ger, von hohen Bergen vor rau­en Nordwinden abge­schirm­ter Palmengürtel säumt die fran­zö­si­sche Côte d’Azur und die ita­lie­ni­sche Riviera. In Libyen und auf der Halbinsel Sinai tritt die Wüste bis ans Meer her­an, wäh­rend in Norditalien, Katalonien, in der Provence und in Ägypten die Mündungen von Po, Ebro, Rhône und Nil sump­fi­ge Deltalandschaften geschaf­fen haben. An der Costa del Sol, in Sizilien und im Libanon sor­gen Schneegipfel für einen male­ri­schen Kontrast zum tie­fen Blau des Meers.

Zakynthos

Zakynthos

Farben und Düfte

Trotz aller Unterschiedlichkeit haben die Landschaften vie­les gemein. Das Mittelmeerklima ist rela­tiv ein­heit­li­ch: mil­de feuch­te Winter, tro­cke­ne hei­ße Sommer, kal­te Fallwinde wie Mistral und Bora sowie hei­ße Wüstenwinde wie Khamsin und Schirokko prä­gen die Vegetation. Silbrig glän­zen­de Olivenbäume, schlan­ke dun­kel­grü­ne Zypressen, schat­ti­ge Pinien, Weinreben, nach Thymian, Rosmarin und Salbei duf­ten­de Macchie ver­lei­hen der Küste und ihrem Hinterland ein unver­wech­sel­ba­res medi­ter­ra­nes Gesicht: in der Provence und der Toskana eben­so wie am tune­si­schen Cap Bon oder auf Malllorca, Korsika, Sardinien und Zypern. Im Frühjahr leuch­ten die Landschaften im duf­ti­gen Rosa der Mandelbäume, im Schneeweiß blü­hen­der Orangenhaine, im kräf­ti­gen Gelb der Ginstersträuche, und im flam­men­den Rot des Klatschmohns. Im Sommer flirrt das Licht, sir­ren und sägen die Zikaden, blö­ken die Schafe, meckern die Ziegen.

Lavendelfeld in der Provence

Lavendelfeld in der Provence

Doch nicht über­all ist Arkadien. Industrielandschaften wie am pro­ven­za­li­schen Étang de Berre bei Marseille oder am kata­la­ni­schen Llobregat bei Barcelona ent­spre­chen eben­so wenig der medi­ter­ra­nen Idylle wie die wild wuchern­den Hafenstädte Piräus, Bari, Algeciras oder Alexandria. Ihre Abwässer belas­ten das Meerwasser beträcht­li­ch, gott­lob nicht über­all. Noch flat­tert an vie­len Stränden die blaue Flagge der EU, die ein­wand­freie Wasserqualität garan­tiert. Den Fischern, die immer kärg­li­che­re Beute aus dem Meer zie­hen, dürf­te das aller­dings nur ein schwa­cher Trost sein.

Reich des Olivenöls

So viel­fäl­tig wie die Landschaft ist auch die Küche des Mittelmeers. Eines haben jedoch so gut wie alle Gerichte gemein: Ob valen­cia­ni­sche Paella, ita­lie­ni­sche Pasta, pro­ven­za­li­scher Lammbraten, grie­chi­sches Stifado oder marok­ka­ni­scher Couscous: alle Köstlichkeiten wer­den mit Olivenöl zube­rei­tet und mit medi­ter­ra­nen Gewürzen abge­schmeckt. Selbstverständlich gehört dazu ein gutes Glas Wein, ein fran­zö­si­scher Côte du Rhône, ein ita­lie­ni­scher Barolo, ein kroa­ti­scher Dingač, ein tune­si­scher Château de Mornag oder ein grie­chi­scher Retsina. Und geges­sen wird mit Vorliebe drau­ßen, laut und fröh­li­ch, umschmei­chelt von der mil­den Luft des spä­ten Abends, in den Trattorien auf der römi­schen Piazza eben­so wie in den Bodegas der sevil­la­ni­schen Plaza oder den Tavernen der Athener Plaka.

Lebensfreude des Südens

Spätestens hier beginnt der gestres­s­te Nordländer die Menschen am Mittelmeer um ihre Lebensfreude zu benei­den, um die Ausgelassenheit, mit der sie ihre Feste fei­ern, um ihren Gleichmut, mit dem sie auch schwie­ri­gen Problemen begeg­nen. Wenn heu­te etwas nicht funk­tio­niert, dann eben mor­gen oder irgend­wann: „Mañana“ heißt das Zauberwort in Spanien, „Pronto“ in Italien, „Siga Siga“ in Griechenland und „Inschallah“ in Marokko oder Tunesien. Vielleicht kann man medi­ter­ra­ne Lebensfreude und Gastfreundschaft, die Leichtigkeit des Seins nicht ler­nen, aber ein wenig davon mit­neh­men soll­te man schon, wenn es zurück­geht in den kal­ten, neb­li­gen Norden.

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