Magisches Tikal

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Sonnenaufgang im Dschungel Guatemalas: Die Brüllaffen sind schon wach, die Urwaldvögel intonieren ein vielstimmiges Konzert, und über dem noch nebelverschleiertem grünen Baumdach beginnen die Firste der alten Mayatempel von Tikal zu glühen.

Wer das erle­ben will, muss im ers­ten Morgengrauen um sechs Uhr mit einer Taschenlampe über wur­zel­ver­schlun­ge­ne Terrassen und Felsen auf die Spitze von Tempel IV klet­tern. Die Fans von „Star Wars“ kom­men wegen des berühm­ten Filmblicks auf das „gehei­me Zentrum des Rebellenplanetens“, roman­ti­sche Naturen wan­deln auf den Spuren der Abenteuerreisenden John Lloyd Stephens und Frederik Catherwood, die sich hier Mitte des 19. Jahrhunderts wun­der­ten: „Wir sit­zen zwi­schen den Ruinen und haben ver­geb­li­ch ver­sucht, das Geheimnis zu durch­drin­gen: Wer waren die Erbauer die­ser Städte?“

Tikal gilt als bedeu­tends­te, auf jeden Fall aber ältes­te gro­ße Tempelanlage der Maya über­haupt. Sie liegt im 576 km2 gro­ßen Parque Nacional Tikal. Auf einem 16 km2 gro­ßen Gebiet hat man über 4000 Strukturen iden­ti­fi­ziert, dar­un­ter Plätze, Tempel, Paläste, Pyramiden, Ballspielplät­ze und Mayastraßen. Nur ein klei­ner Bruchteil davon ist aus­ge­gra­ben und erforscht.  Schon kurz vor der Zeitenwende sind hier Herrscher bestat­tet wor­den, doch besie­delt war der Ort schon ein hal­bes Jahrtausend frü­her. Tikals Höhepunkt fällt in die soge­nann­te „klas­si­sche Zeit“, in der Inschriften von min­des­tens 39 Herrschergenerationen berich­ten. 577 Jahre unun­ter­bro­che­ner Erbfolge sind doku­men­tiert: Diese Dynastie begann 292 n. Chr. und ende­te 869, doch erzäh­len die Glyphen auch von einem legen­dä­ren Dynastiegründer, Yax Moch Xoc, der 219–238 n. Chr. regiert haben soll.

Die meis­ten Besucher beschrän­ken sich auf die wich­tigs­ten Bauten rund um die Plaza Mayor und wan­dern allen­falls zum beson­ders „roman­ti­schen“ Komplex Mundo Perdido (Verlorene Welt) und zum bereits erwähn­ten Aussichtstempel Nr. 4, der mit 64,60 m eines der höchs­ten Bauwerke Mesoamerikas ist. Die Wanderwege zu den wei­ter außer­halb lie­gen­den Komplexen sind lei­der wegen gele­gent­li­cher Überfälle nicht ganz unge­fähr­li­ch, beson­ders in der Dämmerung.

Was die Stelen erzählen

Die ein­hei­mi­schen Führer sind um ihren Job nicht zu benei­den. Inzwischen liest die hand­ver­le­se­ne Schar der aus­ge­wie­sen Mayalogen die Glypheninschriften der Stelen von Tikal zwar wie Geschichtsbücher, doch nicht nur die Interpretation, son­dern selbst die Namen der Könige, die mit präch­ti­gem Kopfputz abge­bil­det sind, ver­än­dern sich je nach Deutung: Voluten-Ahau-Jaguar, Groß-Jaguar-Tatze, Mond-Null-Vogel und so fort. Die Stelen erzäh­len von Thronbesteigungen, von Allianzen, von Kriegen, die Tikal mit Nachbarstaaten führ­te, von der blu­ti­gen Opferung ade­li­ger Gefangener. Die Geschichte ist kom­pli­ziert, doch weiß man, dass die ursprüng­li­ch eher ritu­ell geführ­ten Auseinandersetzungen in ech­te Eroberungskriege über­gin­gen. Besonders prä­gend waren die Konflikte Tikals mit Caracol im heu­ti­gen Belize und mit Calakmul, einer rie­si­gen Stätte im süd­li­chen Yucatán. Letztere wird momen­tan frei­ge­legt und dürf­te mit Sicherheit im nächs­ten Jahrzehnt zum neu­en Touristenmagneten auf­stei­gen.

Und Tikal? Viele groß­ar­ti­gen Bauten stam­men aus der spä­ten zwei­ten Blütezeit des 8. Jahrhunderts, als Herrscher Ha Sawa Chan K’awil regier­te, und Tikal zu einer Metro­pole auf­stieg, die in der Maya-Welt einen un­ge­meinen poli­ti­schen Einfluss erlang­te und sich in den Künsten und der Architektur ver­fei­ner­te. In die­ser Zeit er­richtete man die mas­si­ven Tempel mit ihren hohen Dachkämmen, die verschwen­derisch mit skulp­tier­ten Masken und Göt­ter­dar­stellungen ver­ziert wur­den. Wie be­deutend und reich Ha Sawa Chan K’awil war, lässt sich an den Beigaben able­sen, die in sei­nem unter Tempel I, dem Jaguartempel, verbor­genen Grab ent­deckt wur­den. Sein Nachfolger Yaxkin Chan K’awil errich­te­te u.a. den him­mels­stür­men­den Tempel IV. Doch schon im 9. Jahrhundert ver­sank Tikal all­mäh­li­ch im Dunkel der Geschichte. Das orga­ni­sier­te Gemeinwesen der Riesenmetropole brach zusam­men, Kriege, Über­be­völke­rung und Raubbau an der Natur besie­gel­ten den Untergang.

Kalender der Maya

Selbst die bes­te Vorbereitung auf den Besuch wird vie­le Besucher vor Überforderung nicht bewah­ren. Mit Leidenschaft rat­tern die Führer die prä­zi­sen Datumsangaben auf den mit Strohdächern geschütz­ten Stelen von Hauptplaza und Nord-Akropolis her­un­ter, aber wer kann sie behal­ten? Die Maya waren von der exak­ten Zeitmessung gera­de­zu beses­sen. Das Wissen um die Zeit und die exak­te Berechnung von Himmelsereignissen ver­lieh den Herrschern und Priestern ihre Macht. Die meis­ten Städte, Tempel, Monumente und Stelen wur­den unter Beachtung von Himmelphänomenen errich­tet. In eini­ger Hinsicht war der Maya-Kalender genau­er als der Gregorianische Kalender. Man stellt ihn sich am bes­ten als ein Uhrwerk vor, in dem drei ver­schie­den gro­ße Räder inein­an­der grei­fen: dem aus zwei inein­an­der­grei­fen­den Zyklen bestehen­den Ritualkalender sowie dem Kalenderjahr. So konn­ten die Maya nicht nur die Länge des Sonnenjahrs exakt berech­nen, sie leg­ten auch den Mondzyklus mit äußers­ter Präzision fest. Der Mondmonat zähl­te bei ihnen 29,53020 Tage, eine Berechnung, die nur mini­mal von der des Atomzeitalters (29,53059 Tage) abweicht. Ebenso ver­blüf­fend prä­zi­se fixier­ten sie das Venusjahr. Die Berechnung weicht in einem Zeitraum von 500 Jahren ledig­li­ch um zwei Stunden ab. Auf man­chen Stelen sind sogar die Daten von Sonnen- und Mondfinsternissen ange­ge­ben, die erst in die­sem Jahrtausend statt­fin­den wer­den.

Zu kom­pli­ziert? Oft ist es fast bes­ser, ein­fach nur die Magie der Stätte auf sich wir­ken zu las­sen, im küh­len Morgengrauen auf den Stufen der Tempel der Gran Plaza zu sit­zen, dem Konzert von Affen und Papageien zu lau­schen. Auch das Er­lebnis des Sonnenunter­gangs, der die Plaza und ihre 1300 Jahre alten Gebäude in ein magi­sches Licht taucht, ist mit Worten kaum zu be­schrei­ben. Nicht min­der ergrei­fend ist der Blick von der gro­ßen Pyramide im „Komplex der Verlorenen Welt“ auf den Zeremo­nial­bezirk der Ruinenstadt. Um die­se Stimmungen zu erle­ben, muss man jedoch unbe­dingt in einem der klei­nen beschei­de­nen Hotels am Eingang über­nach­ten. Wenn die aller­meis­ten Besucher mit Bussen aus den kom­for­ta­ble­ren Hotels des fast zwei Stunden ent­fern­ten Santa Elena ein­tref­fen, sticht die Sonne schon vom tro­pi­schen Himmel, und der wah­re Zauber ist ver­flo­gen.

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