Himmelsfeuer über Lappland

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Werden sie heute tanzen, die himmlischen Schleier der Aurora Borealis? Die Schamanen der Sámi konnten einst die Götterfackeln herbeirufen und mit ihren Zaubertrommeln eine Pforte in die andere Welt öffnen. Wer das Nordlicht entziffern kann, heißt es im finnischen Nationalepos Kalevala, löst das Geheimnis vom Ursprung der Welt.

Knackige Kälte, eine kla­re nord­fin­ni­sche Polarnacht, in der Millionen Sterne der Milchstraße zum Greifen nahe schei­nen: Im Mondlicht glit­zert der Schnee, bei minus 30 Grad knirscht er wie har­ter Quarzsand unter den Stiefeln. Doch der „Revuntulet“, der Feuerfuchs, kommt heu­te nicht. Die Enttäuschung wird bald ver­ges­sen sein, denn die Farben des anbre­chen­den Februartages sind nicht min­der fas­zi­nie­rend. Gerade erst hat das Sonnenlicht die lan­ge Kaamoszeit, in der es über­haupt nicht hell wird, besiegt. In den ers­ten Tagen nur für weni­ge Minuten, dann für ein paar Stunden taucht es die fili­gra­nen Schneelandschaften in Finnlands hohem Norden in ein unwirk­li­ch zar­tes, immer inten­si­ver glü­hen­des Rosa, bevor die stun­den­lan­ge blaue Dämmerung zurück­kehrt.

Durchschnittliche Tiefsttemperaturen von minus 35 Grad schre­cken Lapplandtouristen längst nicht mehr, Guides hal­ten für ihre Touren mol­lig-war­me Kluft und wat­tier­te Stiefel bereit. Nur Polarlichter kön­nen sie nicht her­bei­zau­bern. Aber dass sie nir­gend­wo schö­ner sind als im Norden Finnlands, davon sind sie über­zeugt. Im wei­ter nörd­li­ch lie­gen­den nor­we­gi­schen Tromsö zum Beispiel erschei­nen sie zwar öfter, doch ist die Luft am Meer feuch­ter, der Himmel dort also öfter bedeckt. Und dann sieht man gar nichts.

Welt der Sámi

Faszinierende Einblicke in die Traditionen der Sámi lie­fert das Sámi-Museum im weit jen­seits des Polarkreises gele­ge­nen Kirchdorf Inari. Früher zogen sie ihren Rentierherden hin­ter­her, schlu­gen Tag für Tag in weni­gen Minuten ihre gro­ßen Zelte auf. In Mußezeiten schnitz­ten sie kunst­vol­le Finnmesser, deren Scheide aus Rentierhorn mit uralter Ornamentik ver­ziert wur­de. Noch immer leben hier man­che von der Rentierzucht, vom Fischen und Eisangeln auf dem Inarisee. Farben und Muster ihrer kunst­vol­len Tracht unter­schei­den sich von Dorf zu Dorf, und Eingeweihte erken­nen sogar, wel­cher Sippe der Träger ange­hört. „Wir haben die Farben des Nordlichts in unse­re Kleidung gewebt“, sagen die Sámi.

Unterwegs mit Nordlichtjägern

Am häu­figs­ten tritt Aurora Borealis rund um die Tag- und Nachtgleichen auf. Doch manch­mal erhellt nur ein schwach­grau­er Schein den Nachthimmel. Die Rettung für ent­täusch­te Polarlichtfans ver­kör­pern nicht sel­ten „Aurora Hunter“. Die ver­las­sen sich nicht auf den „Nordlichtweckdienst“ der Hotels, son­dern auf SMS-Dienste, z.B. des Finnischen Meteorologischen Instituts. Sie infor­mie­ren über bevor­ste­hen­de Polarlichterscheinungen. Sonnenwinde sind unter­wegs zur Erde, ver­kün­det auch das Radio. Rund um den geo­ma­gne­ti­schen Pol im äußers­ten Norden Grönlands pral­len sie auf das Magnetfeld der Erde, ihre Teilchen wer­den zurück in die Magnetosphäre geschleu­dert. So ent­steht das Nordlicht. Je tie­fer der Teilchensturm in die Atmosphäre ein­dringt, desto inten­si­ver die Aurora.

Trifft die ersehn­te SMS ein, sam­meln die Nordlichtjäger ihre Kunden auf und fah­ren oft meh­re­re hun­dert Kilometer weit, bis eine Region mit stern­kla­rem Himmel erreicht ist. Landschaftlich beson­ders reiz­voll sind der Nationalpark Pallas-Yllästunturi und der Saanatunturi im Dreiländereck zwi­schen Finnland, Schweden und Norwegen. 1029 Meter hoch ist der hei­li­ge Berg der Sámi bei Kilpisjärvi. In der Ferne heu­len Hunde auf, als der ers­te matt­grü­ne Schein auf­fla­ckert, wie­der ver­schwin­det, immer schwung­vol­ler zurück­kehrt, bis eine char­treu­se­far­be­ne Lichtfahne über das schwar­ze Firmament flat­tert. Plötzlich scheint der Himmel förm­li­ch in Spiralen, Bändern und Kaskaden zu explo­die­ren und zau­bert in allen Regenbogenfarben magi­sche Lichtflecken auf die glit­zern­den Schneeflächen und die ihrer gewal­ti­gen Schneelast trot­zen­den Fichten. Es ist jetzt so hell, dass man mühe­los Zeitung lesen könn­te. Ein kon­tu­ren­lo­ser Vorhang in Magenta und Orange wan­dert lang­sam über den mythi­schen Berg, immer wie­der durch­zuckt von grün­gel­ben Feuerfuchsstrahlen: in die­ser Intensität auch im hohen Norden ein sel­te­nes Schauspiel. Die Fotografen ver­kür­zen die Belichtungszeiten. Die Kameras wer­den ohne­hin mehr sehen als das mensch­li­che Auge. Und spä­tes­tens jetzt hat es wie­der zuge­schla­gen, das Polarlichtfieber: Diagnose unheil­bar.

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