Wolfgang Rössig

Moskau Kreml bei Nacht

Nach Moskau!

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Wer da glaubt, Berlin hätte in den letzten 25 Jahren die dramatischste Veränderung in Europa erlebt, der war nie in Moskau! Und genau das fasziniert mich bis heute an dieser oft so rüden Elfmillionmetropole, die wenig Zugeständnisse an Touristen macht. Geweckt hat meine Moskausehnsucht ausgerechnet ein französisches Chanson: »Nathalie« von Gilbert Bécaud. Das besungene »Café Pushkin« mit seiner traumhaften heißen Schokolade, das gab es damals allerdings noch nicht.

Nicht nur die Schokolade im »Pushkin«, auch der Blick auf den Kreml im Morgengrauen gehört zu meinen Ritualen in Moskau. Von der Fußgängerbrücke, die über die Moskwa zur mächtigen Christ-Erlöser-Kirche führt, bietet sich ein hektikfreier Milliarden-Rubel-Blick auf die rotbesternten Türme und die goldenen Kuppeln des illuminierten Kreml. Auch der Rote Platz ist dann oft menschenleer. Es lohnt sich, abends wieder zu kommen, denn die Stadtverwaltung findet ständig Gründe, den Kreml in magischer Lichtspiele zu tauchen.

Auch für die prunkvollen Metrostationen ist frühmorgens die beste Zeit, denn später, im Berufsverkehr, zeigen sich die Moskowiter von ihrer ruppigsten Seite. Da wird geschubst und gedrängelt, und eine lächelnde Entschuldigung mit einem misstrauischen Blick quittiert. Doch um 5 Uhr kann es gelingen, die Majakowskaja fast ohne Passagiere zu genießen. Für mich ist sie die schönste Metrostation der Welt. Dabei ist ihre zeitlose Eleganz in schlimmsten Stalinzeiten entstanden.

Moskau Basiliuskathedrale
Moskau Basiliuskathedrale

Der politische Wind weht neuerdings wieder rauer in Moskau, wo die Mosaikenbilder in der Metrostation Kiewskaja eine 2014 brüchig gewordene Freundschaft zwischen Russland und der Ukraine beschwören. Die alten Sowjetzeiten will zwar (fast) niemand zurück, aber noch heute demonstriert das Museum für Kosmonautik im Allrussischen Ausstellungszentrum mit seinem kühne Raketenschweif die Höhenflüge der zerfallenen UdSSR. Deren politische Helden - in Bronze und Stein - dämmern inzwischen im Skulpturenpark neben der Neuen Tretjakow-Galerie vor sich hin. Hier hängen die atemberaubender Werke der russischen Avantgarde, der Stalins Kunstgeschmack bald die Luft zum Atmen nahm. Goodbye Lenin? Die Schlangen vor dem Mausoleum des Revolutionsführers werden wieder länger...

Die Kontraste in Moskau sind oft kaum zu fassen. Zwischen dem berüchtigten Lubjanka-Gefängnis und den luxuriösen Einkaufspassagen, in denen unglaublich schöne Frauen das Geld ihr ebenso unglaublich reichen Freunde ausgeben, liegen nur wenige Meter. Von den atemberaubenden Skybars der Stadt blickt man auf eine Stadt, die abends mit Paris um den Preis der Lichterstadt Europas wetteifert, und in einigen der Stalin-Hochhäuser bedienen heute westliche Hotelketten die verwöhnten Kunden der Oligarchen, deren an Dubai und Shanghai erinnernder Wolkenkratzertraum »Moscow City« ebenfalls nachts im Lichtermeer am beeindruckendsten aussieht.

Demokratisches Moskau

Teures Moskau? Das Zauberwort lautet »demokratisch«, wobei weniger die politischen Verhältnisse, sondern Preise, die sich auch das Volk leisten kann. Der Eintritt in die Wohnhausmuseen von Puschkin, Andrej Bely, Michail Lermontow, Maria Zwetajewa und Alexander Skrjabin im alten Arbat-Viertel ist ganz bestimmt demokratisch, allerdings wird hier jeder Federkiel von strengen Babuschkas in Pantoffeln und Filzstrickjacke bewacht: ein hartnäckiges Relikt der Sowjetzeit. Auch im Puschkin-Museum der Bildenden Künste und in der Alten Tretjakow-Galerie passen die »Großmütterchen« wie Schießhunde auf, dass niemand Schliemanns Goldschatz oder den Ikonen von Andrek Rubljow zu nahe tritt.

Ansonsten gilt: Es muss nicht immer das Bolschoi sein! Ein Konzert von absolutem Weltrang im Konservatorium ist ebenso erschwinglich wie das Kulturangebot im Gorki Park, dessen Neugestaltung Milliardär Abramovitsch unter seine Fittiche nahm. Hier trifft man lächelnde Moskowiter! Die Frauen der Oligarchen sorgen wiederum dafür, dass in Moskau die moderne Kunstszene boomt. Als der russische Geldadel 2008 den Gürtel kurzfristig enger schnallen musste, war das aber ebenfalls ein Segen. So wurden auf dem Areal der Schokoladenfabrik »Roter Oktober« an der Westspitze der Moskwa-Insel die angedachten Geschäfts- und Wohnhäuser für die »Nuworischi« nicht gebaut. Stattdessen zog Moskaus kreative Szene in die leeren Hallen ein. An warmen Sonnentagen ist die Terrasse der Bar Strelka geradezu ein Hochgenuss. Überhaupt ist der Spätsommer in Moskau meine Lieblingszeit. Anfang September sind die frisch gebräunten Moskowiter noch in Urlaubslaune, und auf dem Märkten bieten die Babuschkas körbeweise unvergleichlich leckere Beeren aus den Wäldern feil.

Praktische Infos

Tourist Information

City Expert Moscow

Triumfalnaya pl.
Moskau
Metro: Mayakovskaya

Web: www.city-sightseeing.ru/info

Anreise

Mit dem Flugzeug

Moskau besitzt drei internationale Flughäfen. Sheremetyevo (SVO) liegt im Nordwesten, Domodedovo (DME) im Südosten und Vnukovo (VKO) im Südwesten der Stadt. Schnell und zuverlässig erreicht man zwischen 5 und 0.30 Uhr die Metro (Kreislinie) mit Zügen von Aeroexpress

Reisetexte

Stories

Ausgewählte Reisetexte aus Europa, Afrika, Asien, Amerika und Australien

Reiseblog

Nachrichten aus aller Welt

Essays

Nachdenkliches über das Reisen, das Schreiben und die Tourismusindustrie

Service

Für Reiseverlage

Was kann ich für Sie schreiben, berichten, aktualisieren, recherchieren?

Für Presse und Medien

Beratung, Location Management, Interviews

E-Books

Elektronische Reiseführer für Kindle, Tolino und Smartphones

Kontakt

Wolfgang Rössig

Travel Publishing

Westenriederstr. 45
D-80331 München

Tel. +49 (0) 89 227151
wolfgang@roessig.de

website created by
Wolfgang Rössig