Wolfgang Rössig

Uxmal

Reich der Federschlange

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Längst sind die romantischen New-Age-Vorstellungen, welche die Maya als friedliches Volk sahen, das im Einklang mit der Natur lebte, wissenschaftlich widerlegt. Besonders grausam aber muss es in Chichén Itzá, der meistbesuchten Maya-Stätte auf der Halbinsel Yucatán zugegangen sein. Hier vermischen sich zwei historische Epochen und damit Kunstrichtungen der Maya-Zivilisation: Bauten im Puuc-Stil, dem sog. „Maya-Barock“, und monumentale Konstruktionen der Maya-Tolteken.

Der von besonders kriegerischem Geist zeugende toltekische Einfluss aus dem mexikanischen Hochland manifestiert sich zum Beispiel in den schlangenförmigen Säulen, den Chac-Mool-Figuren, den Verzierungen mit Federschlangenmotiven, den endlosen Säulen mit Kriegermotiven und den „tzompantli“ genannten Schädelmauern.

Pyramide des Kukulkán

Chichén Itzá
Chichén Itzá

Besonders imposant ist das „Castillo“: die gewaltige neunstufigen Pyramide des Federschlangengottes Kukulkán mit 24 m Höhe und 55,50 m Seitenlänge. Auf allen vier Seiten (zwei sind restauriert) führen Treppen mit jeweils 91 Stufen zum Tempel hinauf, deren steinerne Brüstungen am unteren Ende in Schlangenköpfen auslaufen. Die neun Plattformen der Pyramide symbolisieren die neun Bereiche der Unterwelt, während die Gesamtzahl der Treppenstufen zusammen mit der Stufe zum Haupteingang des Tempels auf die 365 Tage des Jahres hinweist. Die 52 Platten an den Pyramidenseiten symbolisieren wiederum die 52 Wochen.

Zweimal im Jahr, jeweils zur Tag- und Nachtgleiche, ist die Pyramide Schauplatz eines spektakulären astronomischen Phänomens, das geradezu Volksfestcharakter angenommen hat. Der Einfall der Sonne an diesen beiden Nachmittagen wirft die Schattenlinien der Ecken der neun Pyramidenterrassen als Lichtdreiecke an die Nordwestmauer des Treppenaufgangs und erzeugt für etwa drei Stunden eine langsam zu den Schlangenköpfen hinuntergleitende Linie. Es entsteht der - natürlich beabsichtigte - Eindruck, die große Schlange krieche von der Spitze der Pyramide herab: ein Sinnbild des herabsteigenden Kukulkán, der im Frühjahr die Saatzeit ankündigt und im Herbst die Regenzeit beendet.

Die Federschlange war ein blutdürstiger Gott. Auf dem größten der Ballspielplätze findet man Reliefdarstellungen der dem rituellen Ballspiel folgenden Opferung der unterlegenen Mannschaft. Auf einer Darstellung kniet der Enthauptete, und aus seinem blutenden Hals schießen sieben Schlangen empor. Geopfert wurde auch am Kriegertempel östlich der Kukulkán-Pyramide. Zwischen zwei Pfeilern in Gestalt von gefiederten Schlangen bewacht ein Chac Mool den Eingang zum Tempel. In der Schale dieses Götterboten fing man das Blut der ehrenvoll geopferten Kriegsgefangenen auf. Friedlicheren Zwecken diente der turmartige Rundbau des Caracol, in dessen drei Fensterschlitze im oberen Teil des Gebäudes nur zweimal im Jahr die Sonnenstrahlen für Sekunden bis in das Zentrum des Baus dringen. Auf diese Weise konnten die Astronomen auf exakte Weise die Zeit bestimmen.

Uxmal
Uxmal

Uxmal

Ein weiterer Höhepunkt unter den so vielen faszinierenden Ruinenstätten auf Yucatán ist das fast ausschließlich im reinen Puuc-Stil erbaute und architektonisch sehr geschlossen wirkende Uxmal („dreimal erbaut“), dessen Blütezeit im 10. Jahrhundert liegt. 35 Meter hoch erhebt sich die „Pyramide des Wahrsager“, ein kegelstumpfförmiges Bauwerk mit fast ovalem Grundriss. Stundenlang verweilen möchte man am liebsten im „Cuadrángulo de las Monjas“ im Nordwesten der Wahrsagerpyramide, dem wunderschönen „Viereck der Nonnen“. Vier langgestreckte Gebäude umgeben einen trapezförmi­gen Innenhof. Von der Nordseite der großen Plattform des harmonischen, ebenfalls reich verzierten „Gouverneurspalastes“ ergibt sich eine atemberaubende Per­spektive, da schon von weitem der Blick auf die reiche Ornamentik der verschiedenen Friese frei ist. Seiner Anordnung und Dekoration wegen gilt der auf einer künstlichen Plattform ruhende Komplex als die faszinierendste Leistung der Puuc-Achitektur. Unter den reliefierten Motiven entdeckt man Maya-Hütten, Masken des rüsselnasigen Regengottes Chac, Kreuzbandmotive, Mäanderornamentik, menschliche Figuren, Eulenköpfe mit Federkopfputz und Schlangen, die sich auf der Westseite durch das gesamte Fries winden. In einem Gedicht beschreibt der mexikanische Nobelpreisträger Octavio Paz die unvergleichliche Atmosphäre der heißen Mittagszeit in Uxmal:

Die Sonne ist Zeit, die Zeit, Sonne aus Stab; der Stein, Blut. / Das Licht flimmert nicht, die Zeit entleert sich der Minuten, ein Vogel blieb stehen in der Luft. / Das Licht stürzt herab, es erwachen die Säulen und tanzen bewegungslos.

Praktische Infos

Tourist Information

Visit Mexico

www.visitmexico.com

Beste Reisezeit

Die günstigste Reisezeit für alle Stätten liegt zwischen Dezember und April. Besonders in Yucatán ist es dann angenehm warm und relativ trocken.

Einreisebestimmungen

Deutsche, Österreicher und Schweizer benötigen zur Einreise in Mexico einen noch mindestens 6 Monate gültigen, Reisepass.

Anreise

Mit dem Flugzeug:

Flüge von Europa nach Cancún, von dort häufiger Busverkehr nach Chichen Itzá und Uxamal

Unterkunft

Villas Arqueologicas

Km 120 Carretera Mérida, Chichén Itzá

+52 (985) 851 0187
www.villasarqueologicas.com.mx

Schicke und gepflegte Hotelanlage am Ruineneingang von Chichén Itzá, dabei aber preisweiter als die benachbarten Häuser. Die recht kleinen, aber komfortablen und romantisch wirkenden Zimmer sind rund um einen blumengeschmückten idyllischen Patio mit Pool angelegt. Die Küche ist vorzüglich. Die Eintrittskarten für die nur wenige Minuten zu Fuß entfernte Ruinenstätte kann man schon im Hotel erwerben, was einem die oft langen Schlangen erspart.

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