Wolfgang Rössig

Marokko

Marokkanische Arabesken

Wolfgang Rössig ⚫ 19. Nov 2017

Grünblau flimmern die Mosaiken der Koranschulen, ockerfarben die Ornamente der Berberkasbahs im gleißenden Sonnenlicht, das Stimmengewirr der Muezzins, Eselstreiber und plärrender Radios schallt durch die Medina, in den Souks duftet es nach Gewürzen und Jasmin, zärtlich streicht die Hand über weiche Teppiche und edlen Brokat, süß wie die Liebe schmeckt das erste Glas des erfrischenden Minztees.

Spätestens auf der Fähre von Tanger nach Algeciras scheiden sich die Geister der Marokkotouristen. Die einen starren sehnsüchtig auf die langsam näher kommenden Felsen von Gibraltar, mit einem stillen Schwur auf den Lippen: Nie wieder Marokko! Die anderen blicken mit Wehmut zurück auf die langsam im Dunst entschwindenden afrikanische Säule des Herakles. Viele Male waren sie schon in Marokko, und immer wieder werden sie zurückkehren in das orientalische Märchenland ihrer Träume. Wie war es in Marokko? Ach, ganz nett! Nein, diese Antwort wird man von niemanden hören. Al-Maghrib al-Aksa, dem „Land des äußersten Westen“ verfällt man entweder ganz oder gar nicht.

Kulturschock Marokko

Warum ist das so? Vielleicht, weil zu viele Menschen mit vorgefassten Meinungen nach Marokko reisen, seien sie nun positiv oder negativ, und jeder den unausweichlichen Kulturschock auf seine Weise verarbeitet. Wo der eine nur unverschämte Taxifahrer, nervende Schlepper, aufdringlich bettelnde Kinder, penetrante Casanovas und dubiose Haschischhändler wahrnimmt, erlebt der andere überschäumend gastfreundliche Menschen mit ehrlicher Neugier, faszinierende Traditionen, farbenfrohe Feste. Während die einen die Gaukler, Schlangenbeschwörer und Wasserträger auf der berühmten Djemaa el Fna in Marrakesch aus der sicheren Distanz der Caféterrassen mit Fernglas und Teleobjektiv beobachten, begnügen sich die anderen nicht mit einer Theaterkulisse, sondern tauchen unbekümmert ein in eine fremde Welt, die es in Europa schon seit vielen hundert Jahren nicht mehr gibt. Während die einen ängstlich ihre Tasche, ihren Geldbeutel umklammern, schlendern die anderen gelassen mit den wenigen Dirhamscheinen, die man für eine leckere Brochette oder einen Fruchtsaft braucht, durch die Straßen und nichts stößt ihnen zu. Während die einen nur den Staub, die Hitze, den Lärm und beißende Gerüche in den chaotischen Gassen der Medina wahrnehmen, finden die anderen hinter unscheinbaren Türen Paradiesgärten mit zwitschernden Vögeln, plätschernden Brunnen und duftenden Pomeranzenblüten. Und während die einen sich nur ans vermeintlich keimfreie Hotelbüffet wagen, verspeisen die anderen unbekümmert Couscous und gegrillten Hammel aus einer großen gemeinsamen Schüssel mit den Fingern der rechten Hand.

Schlüssel zu Marokko

Chefchaouen
Chefchaouen

„Marokko gleicht einer Zimmerflucht, deren Türen sich öffnen, wenn man hindurchgeht. Man kommt nur weiter, wenn man das Land immer wieder besucht, sich immer aufs Neue wundert und die Neugier bewahrt, es zu verstehen und sich ihm zu nähern. Jede Tür eröffnet einen anderen Ausblick: auf einen Raum, ein Gesicht, eine Stimme, ein Geheimnis...“ So sieht Tahar ben Jelloun, der wohl bekannteste marokkanische Schriftsteller Marokkos, sein Heimatland. Eigentlich braucht es nicht viel, um die Geheimnisse Marokkos zu entdecken: Gelassenheit, Geduld, Aufgeschlossenheit und ein Lächeln genügen. Ein freundliches „as salâmu alêkum“, ein „läbäs“ (wie geht's?), und schon öffnet sich die erste Tür, und sie ist die wichtigste. Wer dies nicht will, kann natürlich in den klimatisierten Strandhotels von Agadir bleiben. Doch Marokko hat er dann nicht besucht.

Denn in keinem anderen Land des afrikanischen Kontinents vereinigen sich so vielfältige Landschafts- und Kulturformen wie hier. Kontraste überall: Schneeblitzenden Gipfel des Hohen Atlas und gelbbraune Vorwüstentäler, wo sich die Dattelpalmenoasen wie grüne Perlen aneinander reihen. Urlauber haben die Wahl zwischen den felsigen Mittelmeerküsten mit verschwiegenen Sandbuchten und den ausgedehnten Stränden und sturmumtosten Klippen am Atlantik. In den Städten zeugen die verschwenderisch ausgestattete Moscheen, Medresen und Paläste von der äußersten Raffinesse der maurischen Kunst und Architektur, während sich im Süden archaische Berberkasbahs wie biblische Städte an die Berghänge schmiegen. Labyrinthische Gässchen in den Souks der mittelalterlichen Medinas auf der einen Seite, die Hochhäuser und „Kanisterstädte“ von Casablanca oder die gepflegten Stadtviertel von Rabat mit ihren blumengeschmückten Boulevards auf der anderen. Im Norden tosende Wasserfälle und kühle Zedernwälder, durch die Berberaffen turnen, im Süden die karge glühende Weite der Sahara, mit ihren „blauen Männern“ und knurrenden Dromedaren. Und darüber spannt sich das Sternenzelt des „Himmels über der Wüste“, dessen Strahlen und Funkeln man so in keiner europäischen Stadt mehr zu Gesicht bekommt.

Zwischen Orient und Okzident

Stets war Marokko Bindeglied zwischen Ost und West. Vom Maghreb kommend schufen die islamischen Eroberer die unvergleichlichen andalusischen Bauwerke in Spanien, im Gegenzug hinterließen christliche Portugiesen und Spanier mächtige Festungen und gotische Kreuzrippengewölbe an der marokkanischen Küste, an der schon die Phönizier entlang gesegelt sind. Aus Spanien vertriebene Morisken und Juden prägten die Architektur der weißgekalkten Städte im Norden. Noch heute versteht sich das scherifische Königreich als Mittler zwischen Morgenland und Abendland: Ohne Fanatismus gelebte religiöse Traditionen spielen eine große Rolle im Leben der Menschen, doch ist allenthalben der Wille zu spüren, politischen und wirtschaftlichen Anschluss an Europa zu finden. Während in Fès tiefverschleierte Frauen durch die Gassen huschen, promenieren in Casablanca selbstbewusste Mädchen in knappen Jeans auf den Boulevards, und im Süden zeigen die Berberfrauen stolz ihr verziertes Gesicht, dessen uralte Hennamuster die bösen Geister abwehrt.

Zauber des Augenblicks

Es sind gerade die flüchtigen Eindrücke, die sich festsetzen. Die gleißende Sonne wirft tanzende Muster durch filigrane Gitter und Rohrgeflecht auf das Pflaster, der Schatten einer Djellabah huscht über eine flammendrote Mauer, zwei kohelumrandete Augen streifen sekundenlang den Blick des Fremden. Wie die junge Scheherazade beginnt Marokko jede Nacht ein neues, stets unvollendetes Märchen, geschrieben in schwungvollen arabischen Kalligraphien. Marokkanische Frauen weben kleine Fehler in die kunstvollen Muster ihrer kostbaren Teppiche. Perfektion, so sagen sie, stehe allein Gott zu. Vielleicht ist genau dieser Glaube der Schlüssel, um Marokko zu begreifen. „Merhaba!“ Willkommen in Marokko!

Praktische Infos

Tourist Information

Marokko

Marokkanisches Nationales Büro für Tourismus

Délégation Düsseldorf
Graf Adolf Strasse 59
D-40210 Düsseldorf

09211 370551

Mail: marokko@mfva.de
Web: www.visitmorocco.com

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