Wolfgang Rössig

Lepris Magna

Wo Medusen schlafen

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

»Wozu diese Leere nach der Freude? Dieses Elend nach dem Glanz? Dieses Nichts, wo einst eine Stadt war? Wer aber gibt die Antwort? Nur der Wind. Er ersetzt den Gesang der Priester und zerstreut die einst vereinten Seelen.« Die klagenden Verse, die im Mittelalter ein arabischer Dichter beim Anblick der Ruinen Tripolitaniens niederschrieb, klingen im Ohr, während der Wind feinen Saharasand über römische Kolonnadenstraßen, Theaterstufen und Marktplätze treibt, von deren Wänden grimmige Medusenhäupter blicken.

An der Mittelmeerküste Libyens findet einige der faszinierendsten Ruinenstätten der Antike. In Tripolis selbst sind zwar nur bescheidene Reste des antiken Oea erhalten, doch bewahrt das Nationalmuseum die schönsten Funde aus den drei Städten, den »tri polis«, die aus phönizischen Gründungen des 7. vorchristlichen Jahrhunderts hervorgegangen sind und nach denen die antike Region Tripolitanien benannt ist. Unter der Kaiserdynastie der Severer erlebten sie Anfang des 3. Jahrhunderts ihre größte Blütezeit. Mit der Eroberung durch die Vandalen begann der wirtschaftliche Verfall, da alle Befestigungen zerstört werden mussten und die Städte nun den Angriffen der Kamelnomaden schutzlos ausgeliefert waren. Zwar kam Tripolitanien 535 unter byzantinische Herrschaft und wurde 590 Teil des Exarchates von Karthago, doch wurde das Land schon 647 von den Muslimen erobert.

Vor etwa 2800 Jahren nahmen sich Griechen die Mahnung der Pythia zu Herzen und segelten gen Süden, um die Cyrenaika zu besiedeln. Doch während die dorischen Tempel im italienischen Paestum und auf Sizilien vielbesuchte Touristenattraktionen sind, liegen Kyrenes mächtige Bauten, darunter ein Zeustempel, Heiligtümer für Apollo und Demeter, Gymnasion und Theater, verwaist am rauschenden Meer. Vor Beginn des Bürgerkriegs störte ab und zu die ein oder andere Studienreisegesellschaft für ein paar Stunden die Idylle, doch derzeit wagt sich kein Kunstliebhaber in die noch immer umkämpfte Region.

Nur ein Libyer hat im Lauf der Geschichte mehr Macht gehabt als Oberst Muammar el Gaddafi. Das allerdings ist schon über 1800 Jahre her. 193 n. Chr. bestieg Septimius Severus, ein schwarzbärtiger dunkelhäutiger Legionär aus Leptis Magna den römischen Kaiserthron, eroberte Mesopotamien für Rom und unterwarf die rebellischen Beduinenstämme seiner Heimat. Septimius Severus hat der libyschen Mittelmeerküste rund um die Hauptstadt Tripolis in antiken Zeiten seinen Stempel aufgedrückt wie vor ihm nur noch Kaiser Hadrian.

Leptis Magna

Leptis Magna
Leptis Magna

Man erreicht die immense, größtenteils noch gar nicht ausgegrabene Römerstadt östlich von Tripolis auf einer viel befahrenen Straße, an der noch vor wenigen Jahren nur ein unscheinbares Hinweisschild in arabischer Sprache den Weg wies. Beim Anblick der Ruinen von Leptis versinken selbst abgebrühte Archäologen in romantischen Träumereien. Sogar Laien können sich hier ohne Computeranimation vorstellen, wie eine durchgeplante römische Stadt einmal ausgesehen hat. Die Vandalen hatten hier ihrem Namen nur bedingt Ehre gemacht und lediglich auf dem Abriss der Stadtmauer bestanden. So deckten schon im 6. Jahrhundert die Wanderdünen der Sahara die nach kurzem byzantinischen Intermezzo aufgegebene Stadt zu. Im 17. Jahrhundert verschiffte ein diebischer französischer Konsul einige aus dem Sand ragende Säulen nach Versailles.

Schon vor Septimius Severus, dessen reich verzierter Triumphbogen die Kreuzung zwischen den beiden römischen Hauptstraßen Cardo und Decumanus markiert, war Leptis (das eigentlich Lepcis hieß, aber falsch transkribiert wurde) nicht gerade ein Provinznest gewesen: Ihrer hellen Kalksteinbauten wegen leuchtete die »weiße Stadt« den Seeleuten schon meilenweit vor ihrer Ankunft entgegen, und die größten Thermen Nordafrikas waren schon unter Kaiser Hadrian nach 117 n.Chr. errichtet worden. Besonders im Frühjahr, wenn es ausgiebig geregnet hat, sind die Wasserspiegelungen im Säulenwald rund um das Tepidarium, dem Übergangsraum zwischen Frigidarium (Kaltwasserbereich) und Caldarium (Heisswasserbereich), ein fesselnder Anblick. Hier entspannte man sich und tauschte den neuesten Tratsch aus. Selbst Toilettensitze aus Marmor entdeckt man hier! »Stille Häuschen« waren in der Antike unbekannt, man saß einträchtig nebeneinander und sprach beim Geschäft übers Geschäft. Praktischerweise muss ganz in der Nähe der Thermen auch der Rotlichtbezirk der Stadt gelegen haben. Man hat hier nicht nur viele Öllampen ausgegraben, die explizit erotische Motive zeigen, sondern findet auch immer wieder Steine mit Phallussymbolen, die offenbar als Wegweiser zu den Bordellen dienten, wie man das aus Pompeji kennt.

Oliven- und Getreideexporte hatten Leptis reich gemacht, unter Severus, der Leptis von Abgaben an Rom befreite, beherbergte die nach Karthago drittgrößte Stadt des römischen Weltreichs 100000 Bürger und mindestens genauso viele Sklaven. Severus gab ein Heidengeld dafür aus, die Stadt seiner Geburt zur Rivalin Roms zu machen: wenigstens in architektonischer Hinsicht. Der schönste und teuerste Marmor musste es sein: graugrüner Cipollino (Zwiebelchen) aus dem heutigen Algerien, Rosenquarz aus dem ägyptischen Assuan, weißer Marmor aus Carrara, alles aufs Feinste gemeißelt, kanneliert, ziseliert und mit kunstvollen Kapitellen versehen.

Steingewordener Mythos

Leptis Magna
Leptis Magna

Wer am frühen Morgen kommt, wenn Hexenkraut und gelber Ginster ihre betörende Düfte verströmen und der Säulenwald im rosa Licht der Morgensonne leuchtet, erlebt den Zauber dieses Weltkulturerbes völlig ungestört. Abends glüht der Marmor in Orange, Ocker und Krapprot, und wieder teilt man die um 210 n.Chr. entstandene, von Säulen gesäumte Prachtstraße Via Colonnata und das im Vergleich zum ebenfalls erhaltenen Alten Forum gigantische, 100 x 60 Meter große, noch immer mit Marmorplatten belegte Severische Forum nur mit den Medusenhäuptern und Seeungeheuern der Marmormedaillons in den wieder aufgerichteten Arkaden. Die großzügige Severische Basilika wurde in justinianischer Zeit in eine riesige christliche Kathedrale umgestaltet. Die seitlich der beiden Apsiden aufgestellten marmornen Reliefpfeiler zählen zu den schönsten und filigransten Kunstwerken aus dieser Zeit. Einer zeigt Gott Bacchus inmitten von Bachantinnen, Centauren und Weinreben, der gegenüberliegende Pfeiler schildert die zwölf Heldentaten des Herakles. Zunächst tötet er den Nemeischen Löwen, in dessen Fell er sich kleidet, dann kämpft er mit der neunköpfigen Hydra von Lerna, fängt die windschnelle Kerynitische Hirschkuh und den Erymanthischen Eber ein, erlegt dann die Stymphalischen Vögel, reinigt die Ställe des Augias, indem er einen Fluss umleitet, fängt den kretischen Stier ein, erringt die Menschen fressenden Rosse des Diomedes, erbeutet den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte und dann die Rinder des dreileibigen Riesen Geryoneus, raubt die goldenen Äpfel der Hesperiden und entführt schließlich den Unterweltshund Zerberus.

Antikes Shoppingcenter

Auf dem Macellum, dem Markt mit seinen zwei »Tholos« genannten Oktogonen, kann man sich auf den steinernen Verkaufstheken mit Tierfüßen zwischen den Säulen der Portikus niederlassen und sich vorstelle, wie das vor 2000 Jahren war, als hinter den steinernen Verkaufstheken zwischen den Säulen die Metzger und Fischhändler ihre Ware anboten, und andere Händler ihre saftigen Oliven oder schweren spanischen Wein anpriesen. Das Chalcidicum, gestiftet von einem schwerreichen Bürger namens Hiddibal Caphada, war eine regelrechte Einkaufspassage mit Arkaden und Läden, in denen Kostbarkeiten aus dem ganzen Römischen Reich gehandelt wurden.

Wer wirklich Sinn für Dramatik hat, der setzt sich auf die Stufen des Theaters, dessen Bühnenwand man im Gegensatz zu Sabratha nicht wieder aufgemauert hat, und blickt auf das schäumende Meer, das tiefblau zwischen der Säulenfassade glitzert. Die beiden lebensgroßen Standfiguren der Dioskuren Kastor und Pollux aus Marmor sowie die Hermen-Büsten des Bacchus und Herakles, mit denen die Bühne seitlich dekoriert war, wurden allerdings vor zehn Jahren in Museen verbracht. Vor Ort sind Kopien zu sehen. Lateinische Inschriften wohin das Auge schaut: Sie erleichterten den italienischen Archäologen, die hier in den 20er und 30er Jahren »Aufbauarbeit« leisteten, die Aufgabe erheblich. Sehr zimperlich ging man allerdings nicht zu Werke. Denn Mussolini, der das ab 1911 von italienischen Truppen okkupierte Libyen als »vierte Küste« seines Mare Nostrum einverleibt hatte, war an der Legitimierung seiner »römischen« Herrschaftsansprüche gelegen.

Prachtvolle Mosaiken

Leptis Magna
Leptis Magna

Vielleicht hat deshalb das national gesinnte Libyen unter Gaddafi lange die römische Vergangenheit recht stiefmütterlich behandelt. Immerhin sind die kostbaren Fundstücke im Archäologischen Museum von Leptis jetzt auch in Englisch beschriftet. Besonders interessant sind die Originalreliefs vom Triumphbogen des Septimius Severus, Statuen aus den hadrianischen Thermen und der in der zentralen Halle aufgestellte Marmorelefant. Dagegen ist die 18 km westlich von Leptis Magna entdeckte Villa Selene nur mit einer schriftlichen Genehmigung der Antikenverwaltung in Leptis Magna möglich, die man sich unbedingt besorgen sollte, weil es hier herrliche Mosaiken in situ zu bewundern gibt, die neben geometrischen Motiven auch Nillandschaften mit Pygmäen, Krokodilen und Ibissen zeigen. Besonders schön sind die Darstellungen des privaten Wohntrakts im Westen: gut erhaltenen Wandmalereien mit Gladiatorenszenen und geometrische Bodenmosaiken, deren kleine Bildfelder mythologische Szenen zeigen, so zum Beispiel die in einen Weinstock verwandelte Nymphe Ambrosia, die Lykurg mit ihren Rebranken fesselt, um Dionysos vor ihm zu schützen, Aion und die vier Jahreszeiten sowie das berühmte große Bodenmosaik, das ein Wagenrennen zeigt, wie sie sicherlich auch im Amphitheater von Leptis stattfanden, das östlich des Ruinenbezirks freigelegt worden ist. Leider werden die Mosaiken nicht fachgerecht vor den Schuhen der Besucher geschützt, und ohne Führer findet man die nicht ausgeschilderte Villa nie im Leben.

Venus und Orpheus

Leptis Magna
Leptis Magna

Viele Schätze aus Leptis Magna sind im Nationalmuseum von Tripolis zu sehen. Dazu zählt die lebensgroße Statue einer nackten Venus aus weißem Marmor. Weitere Höhepunkte sind ein großformatiges Mosaik aus dem 3. Jahrhundert aus einer römischen Villa bei Zliten, nicht weit von Leptis, das in höchster Detailfreude Meeresfrüchte und brutale Kampfszenen aus einem Amphitheater zeigt. Andere Säle zeigen präsentieren erlesen schöne Mosaiken aus den Villen von Leptis mit mythologischen Szenen. Besonders kunstvoll ist das im Orpheus-Haus geborgene Mosaik. Im Fries zeigt es Orpheus, der mit seinem Gesang die Tiere entzückt, während die quadratischen Felder Stilleben mit Fischen und Szenen aus dem bäuerlichen Leben darstellen. Außerdem sind Medusenhäupter aus dem severischen Forum sowie zahlreiche Standbilder von Göttern und Kaisern zu sehen, darunter die monumentalen Köpfe der Kaiser Augustus und Tiberius. Ein weiteres, außerordentlich schönes Mosaik aus dem 4. Jahrhundert wurde in der Nil-Villa gefunden und zeigt eine Löwenjagd.

Praktische Infos

Tourist Information

Libyen

Das Auswärtige Amt warnt aufgrund der prekären Sicherheitslage derzeit vor Reisen nach Libyen. Die libysche Botschaft stellt derzeit keine Touristenvisa aus. Geschäftliche Visa sind jedoch eventuell erhältlich (ab 300 Euro).

Anreise

Mit dem Flugzeug

Flüge nach Tripolis sind derzeit u.a. von Tunis, Malta und Istanbul möglich.

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