Wolfgang Rössig

Lamu

Kenianische Inselträume

Wolfgang Rössig ⚫ 19. Nov 2017

Vielleicht sollte man den Besuch von Lamu nicht an den Anfang einer Keniareise legen. Denn es könnte sein, dass man sich schon nach wenigen Tagen vom wunderbar trägen Rhythmus des Archipels einlullen lässt und von der Terrasse eines der alten Häuser den Eseln in den autolosen Gassen zusieht, oder einer Dhau, die draußen vor der Küste mit geblähtem Dreieckssegel in den Sonnenuntergang fährt.

Der Lamu-Archipel ist eine andere Welt, eine, die bislang keine Kreuzfahrtschiffe stören. Man landet, von Nairobi kommend, mit dem Propellerflugzeug auf der beunruhigend kurzen Schlaglochpiste der Nachbarinsel Manda, setzt mit einer motorisierten Dhau über, gesteuert von einem jungen Rasta, läuft in den Hafen von Lamu Town ein und findet sich in eine andere Zeit versetzt: Die Zeit von Sindbad dem Seefahrer. Im milden Lichts des Spätnachmittags leuchten die cremefarbenen Korallensteinhäuser der arabischen Altstadt, seit 2001 UNESCO-Erbe, überragt von der alten Festung. Fünfmal täglich erschallt der Ruf des Muezzins, doch die 30 Moscheen sind kaum zu entdecken, denn sie haben keine Minarette. Geduldige Esel schleppen Wasserkanister, Colakisten und Zementsäcke durch die Gassen, auf einem schattigen Platz schwatzen Männer in weißen Hemden und braunen, kikoyi genannten Wickelröcken miteinander, in ein Holzbrettspiel vertieft, und kauen stimulierende Katblätter. Wie flüchtige Schatten huschen Frauen vorbei, in schwarze burkaähnliche Bui-Bui-Umhänge gewandet. Kinder kommen lärmend aus der Medrassa, der Koranschule, und zählen begeistert die Namen deutscher Fußballstars auf.

Kulturelle Vielfalt

„Jambu karibu Lamu“ grüßen die Einheimischen freundlich: „Hallo, Willkommen auf Lamu.“ Ein Wunder, dass es diese Welt überhaupt noch gibt, ein letztes Überbleibsel der Suaheli-Kultur, die vor Ankunft der Briten die gesamte Küste Kenias prägte. Arabische Händler gründeten um 1350 den Seehafen Lamu, und auf der Insel Manda sind mit den Takwa Ruins über 100 Häuser einer blühenden Siedlung aus dieser Zeit zu besichtigen. 1506 übernahmen die Portugiesen das nominale Regiment und hielten türkische Flotten von den Inseln fern, bis sie 1698 den Truppen des Sultans von Oman weichen mussten. Es folgte das Goldene Zeitalter: Lamu diente als Umschlagplatz für Elfenbein, Bernstein, Gewürze und Sklaven, die von hier aus nach Asien verschleppt wurden, und das noch bis ins 20. Jh. hinein. Von der Zeit der omanischen Herrschaft künden die pompösen hölzernen Haustüren, die kunstvoll mit arabischen Kalligraphien, Lotusblüten und stilisierten Fischen verziert sind.

Inzwischen machen die Schreiner wieder gute Geschäfte, und zwar mit den Ausländern, die sich auf Lamu niederlassen. In den 1960er-Jahren hatten Hippies hier ein neues Marrakesch entdeckt, eine Etappe auf dem Weg nach Kathmandu. Ein Jahrzehnt später folgten Gays, dann die europäische Bohème und seit einigen Jahren entdeckt der internationale Jetset die Inselwelt für sich und etabliert sich am herrlichen Strand von Shela weiter südlich. Dort kann man inzwischen sogar drei Villen mieten, die Prinz Ernst August von Hannover und Prinzessin Caroline von Monaco renoviert haben, und auch im imposanten Beach House, das sich das Lieblingspaar der Regenbogenpresse gebaut hat, könnte man wohnen — wenn ein fünfstelliger Eurobetrag das Urlaubsbudget nicht sprengt. Saint-Tropez, wie es früher war, sagen die einen, Sansibar, wie es früher war, die anderen, und wahrscheinlich stimmt beides, denn noch haben all die Prominenten die traumverlorene Atmosphäre nicht nachhaltig verändert, und selbst die deutsche Filmproduktion, die im Herbst 2006 auf dem Marktplatz von Lamu Szenen des historischen Dreiteilers „Afrika mon amour“ mit Iris Berben drehte, sorgte nur kurzzeitig für Hektik.

Lamu
Lamu

Eigentlich muss man sich nur auf einen Sundowner in die kleine Bar des Peponi-Hotels in Shela setzen, um den neuesten Promiklatsch zu erfahren. Im Dezember und August, während der Hochsaison, ist entspanntes Schaulaufen leicht blasiert wirkender Millionäre angesagt, doch in den engen Gassen von Lamu geht das Leben noch immer seinen gewohnten Gang. Das Lamu-Museum bietet faszinierende Einblicke in die alte Suaheli-Kultur, und dann gibt es hier tatsächlich ein waschechtes deutsches Postmuseum, denn 1888 gründete die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft in Lamu das erste deutsche Postamt Ostafrikas.

Kenianische Eseleien

Zwei Dinge sollte man in den engen Gassen Lamus unbedingt vermeiden: zu knappe Kleidung und gedankenloses Herumstehen. Ersteres führt bei den jungen Männern von Lamu zu unliebsamem Triebstau, letzteres zu einem handfesten Esel-Stau. „Ein Mann ohne Esel ist ein Esel“, lautet ein Suaheli-Sprichwort.

Manchen alten Eseln der Insel geht es inzwischen besser, seit britische Nonnen ihnen im Donkey Sanctuary das Gnadenbrot gewähren. Die rüstigeren Grautiere werden allerdings einmal im Jahr aus ihrem gemächlichen Trott gescheucht: Im April/Mai feiert man auf Lamu Maulidi al-Nabi. Von weither kommen die Menschen zur Riyada-Moschee, um für eine Woche mit Musik, Tanz, Schwertkämpfen, Dhau-Regatten und Leckereien der Suaheli-Küche den Geburtstag des Propheten Mohammed zu feiern, und die Esel werden auf ein höchst amüsantes Rennen geschickt. Da hilft kein Bocken. Über 60 Stadthäuser wurden inzwischen bereits an Ausländer verkauft, ein schickes Gästehaus nach dem anderen eröffnet, mit „white girl money“, wie man das hier recht unverblümt nennt.

Einsame Strände

Und dennoch findet man auf Lamu noch viele stille Strandabschnitte: Gleich hinter Shela wird es menschenleer. Korallenriffe und Mangrovenwald sorgten dafür, dass der verheerende Tsunami von 2004 hier kaum Schaden anrichtete. Auf der Nachbarinsel Manda ist noch mehr Platz. Zwar stecken auch hier abenteuerlustige Europäer ihre Claims ab, doch es wird wohl noch ein paar Jährchen dauern, bis an den Sandstränden mehr steht als handgemalte Verkaufsschilder. Bis dahin schläft man in einem komfortablen Palmhüttencamp und teilt sich die mit wunderschönen Muscheln übersäten Strände nur mit ein paar betuchten Aussteigern — und den Fischern, die frisch gefangenen Hummer oder Riesengarnelen auf Wunsch gleich an Ort und Stelle zubereiten. Natürlich kann man auch mit ihnen hinausfahren, auf einer hölzernen Dhau, zum Tauchen, Angeln oder einfach nur zum Faulenzen im Sonnenuntergang oder bei Mondlicht.

Praktische Infos

Tourist Information

Kenia

Kenya Tourism Board - Head Office

Kenya-Re Towers, Ragati Road
P.O. BOX 30630, 00100 Nairobi

+254 20 2711 262
Mail: info@ktb.go.ke
Web: www.magicalkenya.com

Allgemeine Infos

Beste Reisezeit

Kenia kann man ganzjährig bereisen, wobei die klimatischen Verhältnisse heute unzuverlässiger sind als früher. Zwischen Juli und Oktober herrscht die kühlere, zwischen Dezember und Februar die heißere Trockenzeit. Am unangenehmsten ist das Klima kurz vor Einsetzen der Regenzeiten. Die Große Regenzeit dauert von April bis Juni, die Kleine Regenzeit von Mitte Oktober bis Dezember. Der Regen bringt frischere und kühlere Luft. Die Regenzeiten sind zumindest an der Küste kein wirkliches Problem, da es meist nur kurze, wenn auch heftige Schauer gibt.

Einreisebestimmungen

Deutsche, Österreicher und Schweizer benötigen zur Einreise in Kenia einen mindestens 6 Monate gültigen Reisepass und ein Visum, das Touristen notfalls auch bei Einreise erteilt wird. Wer auch Tansania besuchen möchte, muss ein Visum für mehrfache Einreise (multiple entry) beantragen.

Impfungen

Impfungen bei direkter Einreise aus Europa sind nicht zwingend vorgeschrieben. Neben einem aktuellen Impfschutz gegen Hepatitis A, Polio und Tetanus sind eine Impfung gegen Gelbfieber und eine Malariaprophylaxe sinnvoll. In stehendem Süßwasser tritt Bilharziose auf, daher sollte man besonders im Viktoriasee nicht baden.

Unterkunft

Kiwayu Safari Village

Kiwayu Island

+254 20 600107
www.kiwayu.com

In einer schönen Bucht auf dem Festland, gegenüber der Insel Kiwayu, liegt dieses luxuriöse Refugium mit 18 Bandas (strohgedeckte Bungalows) direkt an einem Traumstrand, an dem Schildkröten ihre Eier ablegen. Die Suite für flitternde Pärchen befindet sich auf der Insel. Alle Zimmer sind im Openair-Stil gehalten und mit traditionellen Suaheli-Möbeln und Super-Kingsize-Betten eingerichtet. Man relaxt in Hängematten und lässt sich exzellente italienische Küche servieren. Das Resort ist in der Regenzeit vom 15. April bis Juli geschlossen. Wer es noch informeller mag, übernachtet in den 7 Cottages des befreundeten Munira Island Camp (Mike's Camp) auf der Insel selbst. Man erreicht es in einer 15-minütigen Fahrt mit dem Motorboot.

Peponi Hotel

Lamu Island, Shela Beach

+254 42 633421
Mobil-Tel. +254 734 203082
www.peponi-lamu.com

Bereits 40 Jahre alt und nach wie vor das beste Hotel am Strand von Shela: Das traditionsreiche Peponi ist ein Promitreff mit hübschen weiß getünchten Cottages an einem privaten Strandabschnitt. Die 24 Zimmer sind individuell im Suaheli-Stil eingerichtet und besitzten jeweils eine eigene Veranda. Sehr gutes Restaurant nur für Hotelgäste, die allgemein zugängliche Bar ist das kommunikative Zentrum des gesamten Archipels. Das breite Wassersportangebot umfasst Wasserski, Windsurfen und Tauchexkursionen. Mitte April bis Ende Juni geschlossen.

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