Wolfgang Rössig

Tikal

Magisches Tikal

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Sonnenaufgang im Dschungel Guatemalas: Die Brüllaffen sind schon wach, die Urwaldvögel intonieren ein vielstimmiges Konzert, und über dem noch nebelverschleiertem grünen Baumdach beginnen die Firste der alten Mayatempel von Tikal zu glühen.

Wer das erleben will, muss im ersten Morgengrauen um sechs Uhr mit einer Taschenlampe über wurzelverschlungene Terrassen und Felsen auf die Spitze von Tempel IV klettern. Die Fans von »Star Wars« kommen wegen des berühmten Filmblicks auf das »geheime Zentrum des Rebellenplanetens«, romantische Naturen wandeln auf den Spuren der Abenteuerreisenden John Lloyd Stephens und Frederik Catherwood, die sich hier Mitte des 19. Jahrhunderts wunderten: »Wir sitzen zwischen den Ruinen und haben vergeblich versucht, das Geheimnis zu durchdringen: Wer waren die Erbauer dieser Städte?«

Tikal gilt als bedeutendste, auf jeden Fall aber älteste große Tempelanlage der Maya überhaupt. Sie liegt im 576 km2 großen Parque Nacional Tikal. Auf einem 16 km2 großen Gebiet hat man über 4000 Strukturen identifiziert, darunter Plätze, Tempel, Paläste, Pyramiden, Ballspielplätze und Mayastraßen. Nur ein kleiner Bruchteil davon ist ausgegraben und erforscht. Schon kurz vor der Zeitenwende sind hier Herrscher bestattet worden, doch besiedelt war der Ort schon ein halbes Jahrtausend früher. Tikals Höhepunkt fällt in die sogenannte »klassische Zeit«, in der Inschriften von mindestens 39 Herrschergenerationen berichten. 577 Jahre ununterbrochener Erbfolge sind dokumentiert: Diese Dynastie begann 292 n. Chr. und endete 869, doch erzählen die Glyphen auch von einem legendären Dynastiegründer, Yax Moch Xoc, der 219-238 n. Chr. regiert haben soll.

Die meisten Besucher beschränken sich auf die wichtigsten Bauten rund um die Plaza Mayor und wandern allenfalls zum besonders »romantischen« Komplex Mundo Perdido (Verlorene Welt) und zum bereits erwähnten Aussichtstempel Nr. 4, der mit 64,60 m eines der höchsten Bauwerke Mesoamerikas ist. Die Wanderwege zu den weiter außerhalb liegenden Komplexen sind leider wegen gelegentlicher Überfälle nicht ganz ungefährlich, besonders in der Dämmerung.

Was die Stelen erzählen

Die einheimischen Führer sind um ihren Job nicht zu beneiden. Inzwischen liest die handverlesene Schar der ausgewiesen Mayalogen die Glypheninschriften der Stelen von Tikal zwar wie Geschichtsbücher, doch nicht nur die Interpretation, sondern selbst die Namen der Könige, die mit prächtigem Kopfputz abgebildet sind, verändern sich je nach Deutung: Voluten-Ahau-Jaguar, Groß-Jaguar-Tatze, Mond-Null-Vogel und so fort. Die Stelen erzählen von Thronbesteigungen, von Allianzen, von Kriegen, die Tikal mit Nachbarstaaten führte, von der blutigen Opferung adeliger Gefangener. Die Geschichte ist kompliziert, doch weiß man, dass die ursprünglich eher rituell geführten Auseinandersetzungen in echte Eroberungskriege übergingen. Besonders prägend waren die Konflikte Tikals mit Caracol im heutigen Belize und mit Calakmul, einer riesigen Stätte im südlichen Yucatán. Letztere wird momentan freigelegt und dürfte mit Sicherheit im nächsten Jahrzehnt zum neuen Touristenmagneten aufsteigen.

Und Tikal? Viele großartigen Bauten stammen aus der späten zweiten Blütezeit des 8. Jahrhunderts, als Herrscher Ha Sawa Chan K'awil regierte, und Tikal zu einer Metropole aufstieg, die in der Maya-Welt einen ungemeinen politischen Einfluss erlangte und sich in den Künsten und der Architektur verfeinerte. In dieser Zeit errichtete man die massiven Tempel mit ihren hohen Dachkämmen, die verschwenderisch mit skulptierten Masken und Götterdarstellungen verziert wurden. Wie bedeutend und reich Ha Sawa Chan K'awil war, lässt sich an den Beigaben ablesen, die in seinem unter Tempel I, dem Jaguartempel, verborgenen Grab entdeckt wurden. Sein Nachfolger Yaxkin Chan K'awil errichtete u.a. den himmelsstürmenden Tempel IV. Doch schon im 9. Jahrhundert versank Tikal allmählich im Dunkel der Geschichte. Das organisierte Gemeinwesen der Riesenmetropole brach zusammen, Kriege, Überbevölkerung und Raubbau an der Natur besiegelten den Untergang.

Kalender der Maya

Selbst die beste Vorbereitung auf den Besuch wird viele Besucher vor Überforderung nicht bewahren. Mit Leidenschaft rattern die Führer die präzisen Datumsangaben auf den mit Strohdächern geschützten Stelen von Hauptplaza und Nord-Akropolis herunter, aber wer kann sie behalten? Die Maya waren von der exakten Zeitmessung geradezu besessen. Das Wissen um die Zeit und die exakte Berechnung von Himmelsereignissen verlieh den Herrschern und Priestern ihre Macht. Die meisten Städte, Tempel, Monumente und Stelen wurden unter Beachtung von Himmelphänomenen errichtet. In einiger Hinsicht war der Maya-Kalender genauer als der Gregorianische Kalender. Man stellt ihn sich am besten als ein Uhrwerk vor, in dem drei verschieden große Räder ineinander greifen: dem aus zwei ineinandergreifenden Zyklen bestehenden Ritualkalender sowie dem Kalenderjahr. So konnten die Maya nicht nur die Länge des Sonnenjahrs exakt berechnen, sie legten auch den Mondzyklus mit äußerster Präzision fest. Der Mondmonat zählte bei ihnen 29,53020 Tage, eine Berechnung, die nur minimal von der des Atomzeitalters (29,53059 Tage) abweicht. Ebenso verblüffend präzise fixierten sie das Venusjahr. Die Berechnung weicht in einem Zeitraum von 500 Jahren lediglich um zwei Stunden ab. Auf manchen Stelen sind sogar die Daten von Sonnen- und Mondfinsternissen angegeben, die erst in diesem Jahrtausend stattfinden werden.

Zu kompliziert? Oft ist es fast besser, einfach nur die Magie der Stätte auf sich wirken zu lassen, im kühlen Morgengrauen auf den Stufen der Tempel der Gran Plaza zu sitzen, dem Konzert von Affen und Papageien zu lauschen. Auch das Erlebnis des Sonnenuntergangs, der die Plaza und ihre 1300 Jahre alten Gebäude in ein magisches Licht taucht, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Nicht minder ergreifend ist der Blick von der großen Pyramide im »Komplex der Verlorenen Welt« auf den Zeremonialbezirk der Ruinenstadt. Um diese Stimmungen zu erleben, muss man jedoch unbedingt in einem der kleinen bescheidenen Hotels am Eingang übernachten. Wenn die allermeisten Besucher mit Bussen aus den komfortableren Hotels des fast zwei Stunden entfernten Santa Elena eintreffen, sticht die Sonne schon vom tropischen Himmel, und der wahre Zauber ist verflogen.

Praktische Infos

Tourist Information

Parque Tikal

Tel. +502 2290-2800
www.parque-tikal.com

Öffnungszeiten: tgl. 6-18 Uhr

Anreise

Mit dem Bus

Sechs Kleinbusse von ATIM (Tel. +502 5905-0089) fahren von Flores zwischen 6.30 Uhr und 15 Uhr in 90 Minuten nach Tikal. Rückfahrten um 12, 13.30, 15 und 18 Uhr. Außerdem fünf Shuttlebusse von San Juan Travel zwischen Flores und Tikal. Sehr zu empfehlen ist die frühe Abfahrt um 4.30 Uhr, da man dann schon bei Öffnung am Morgen in Tikal ist.

Unterkunft

Tikal Inn

Tel. +502 7861-2444
www.tikalinn.com

Jungle Lodge

Tel. +502 7861-0446
www.junglelodgetikal.com

Jaguar Inn

Tel. +502 7926-2411
www.jaguartikal.com

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