Wolfgang Rössig

Lüftlmalerei in Mittenwald

Alpenhimmel voller Geigen

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

„Nun aber bei dem Glanze der aufgehenden Sonne die dunkeln, mit Fichten bewachsenen Vordergründe, die grauen Kalkfelsen dazwischen und dahinter die beschneiten höchsten Gipfel auf einem tieferen Himmelsblau, das waren köstliche, ewig abwechselnde Bilder.“ Mit diesen Eindrücken verließ Goethe, den es nach Italien zog, 1786 das kleine oberbayrische Mittenwald. Ein wenig Italien gibt es aber auch hier.

Seine Glanzzeit erlebte Mittenwald ab 1487, als die Venezianer von den räuberischen Übergriffen des Erzherzogs Sigmund von Tirol die Nase voll hatten und den Bozner Markt für fast 200 Jahre ins sichere Mittenwald verlegten. Unverhofft war Mittenwald zum Hauptumschlagsplatz der Handelsrepublik Venedig für Luxuswaren aus Italien und dem Orient – Samt und Seide, Gewürze und Südfrüchte – avanciert. Jedes Jahr feiert die Stadt eine Augustwoche lang das Jubiläum ihres Bozner Marktes in historischen Gewändern.

Wirklich berühmt wurde Mittenwald jedoch erst durch seine Geigenbautradition. An den Fenstern und Balkonen der Geigenbauer hängt – zum Trocknen und Bräunen – in Mittenwald tatsächlich der Himmel voller Geigen. Matthias Klotz (1653-1743) hatte die Kunst in Cremona und Tirol gelernt und ins Heimatdorf mitgebracht. 1684 fertigte er die erste Violine in Mittenwald, und seit 1858 kann man auf der von König Max II. gegründeten Staatlichen Fachschule den diffizilen Bau von Saiteninstrumenten lernen, seit 25 Jahren auch den von Zupfinstrumenten. Zehn Meisterwerkstätten gibt es noch heute im Ort. Das Geigenbaumuseum zeigt wertvolle Musikinstrumente vom 12. bis ins 20. Jahrhundert.

Zauberhafte Lüftlmalerei

Aber auch aus einem anderen Grund stimmt das allzu oft gebrauchte „malerisch“ im ganz wörtlichen Sinn. Seit mehr als 200 Jahren lassen die Menschen in Mittenwald, das Goethe als „lebendiges Bilderbuch“ rühmte, ihre Häuser mit Lüftlmalerei verzieren, ursprünglich eine barocke illusionistische Freskotechnik. Mittenwalder Meister dieser Kunst war Franz Karner (1737-1817), doch auch der Wessobrunner Freskant Matthäus Günther (1705-1788) und der Oberammergauer Franz Seraph Zwinck (1748-1792) haben hier ihre künstlerische Handschrift hinterlassen. Benannt ist die Malerei übrigens nach Zwincks Wohnhaus „Zum Lüftl“ – sie hat also mit Luft überhaupt nichts zu tun. Darstellungen von Heiligen und Schutzpatronen waren immer besonders begehrt – gewissermaßen als „Versicherung“ des Hauses und seiner Bewohner. Aber auch biblische Motive und Szenen aus der Lokalgeschichte und vom Bozner Markt schmücken die Hausfassaden. Heute wird allerdings nicht mehr „al fresco“ gearbeitet, also Malerei auf feuchtem Kalkputz aufgetragen, sondern man verwendet moderne lichtbeständige haltbare Farbpigmente auf trockenen Wänden. Denn verblassen darf die ganz auf räumlichen Eindruck und Fernwirkung zelebrierte Kunst auf gar keinen Fall. Heutige Lüftmaler wie Stephan Pfeffer stammen oft aus alten Künstlerfamilien und studieren sorgfältig alte Barockvorlagen. Einen Nachteil, so erzählt Pfeffer schmunzelnd, hat die bunte Pracht aber schon: Sie zieht nicht nur Touristen, sondern auch Bienen und Wespen geradezu magisch an.

Farbenfrohe Bergwiesen

Rund um Mittenwald geht auch die Natur verschwenderisch mit ihren Farben um. Ein besonderes Erlebnis ist die Wanderung über die im Frühling mit Enzian, Krokus, Alpenprimeln, Hahnenfuß und Trollblumen übersäten Buckelwiesen bei Klais, mit großartigem Blick auf das noch schneebedeckte Westmassiv des Wettersteingebirges mit Alp- und Zugspitze. Besonders schön spiegeln sich an windstillen Abenden die westlichen Ausläufer des Karwendel im Geroldsee. Viel fotografiert wird auch die im Abendlicht aufglühende kühlblaue Bergkulisse am Schmalsensee. Eigentlich liegen die meisten Gipfel dieses wildesten und schönsten bayrischen Gebirges schon auf der Tirolerseite, doch angesichts offener Grenzen stört das niemanden mehr. Um das goldgelbe Farbspiel der bis zu 600 Jahre alten Ahornbäume zu erleben, zieht im Oktober eine wahre Blechkarawane am Rissbach entlang zu den „Großen Ahornböden“ am Talschluss in der Eng. Naturgenuss ohne Menschenmassen, dafür mit der Kulisse der steil abfallenden grauen Nordwände der Hinterautal-Vomper-Kette, bieten die „Kleinen Ahornböden“, die man über einen zweistündigen Anstieg durch das Johannestal erreicht. Einer der großartigsten Aussichten der Karwendelszenerie liefert der Schafreuther (2102 m). Der kürzeste Anstieg erfolgt vom Risstal, ein wesentlich längerer von Fall am tiefblauen Sylvensteinstausee, der aussieht wie ein bayrischer Fjord.

Österreichisches Karwendel

Karwendel
Karwendel

Unzählige Wege führen durch das österreichische Karwendel: Gemütliche Wanderungen von der Eng hinauf zur spektakulär vor der Kulisse der Laliderer Wände gelegenen Falkenhütte (1848 m), aber auch höchst anspruchsvolle Gipfeltouren auf unmarkierten Wegen. Mountainbiker zieht es ins vordere Lehntal, eine wildromantische Schlucht mit bizarr geformten Felszacken, und weiter auf einem breiten Forstweg zur Eppzirler Alm (1459 m). Hier breitet sich ein Panorama von der Seefelder Spitze (2220 m) und Reither Spitze (2373 m) bis zur Erlspitze (2405 m) und Fleischbank (2026 m) aus, und im Oktober glühen die Lärchen in verschwenderischem Gold.

Münchner stehen geradezu in der Pflicht, mit dem Radl durchs Hinterautal die Quellen der wilden ungebändigten Isar aufzusuchen, die hier auch das Ziel ambitionierter Kajakfahrer ist. Wer lieber in Bayern bleiben möchte, fährt mit der Kranzbergbahn hinauf zum freistehenden Hohen Kranzberg (1391 m), genießt dort die fantastische Sicht auf Karwendelkette und Wetterstein, wandert anschließend – die Wettersteinwand stets vor Augen – hinunter zum Ferchensee. An diesem tiefgrünen glasklaren Badesee kann man einkehren und danach – jetzt mit Karwendel im Visier – zum Lautersee weiterwandern, einem weiteren Erholungsgebiet mit Gastronomie. Von hier ist es nicht mehr weit nach Mittenwald.

Mittenwalder Höhenweg

Echte Profis wagen sich natürlich auf den so harmlos „Mittenwalder Höhenweg“ genannten hochalpinen Klettersteig, der mit Leitern und Drahtseilen zwar gut gesichert ist, dennoch absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit voraussetzt. Gehfaule können es natürlich auch bei einer besonders steil angelegten Fahrt mit der Karwendelbahn (Bergstation 2244 m) belassen und in nur 45 Minuten das kurze Stück zur Westlichen Karwendelspitze (2384 m) per pedes bewältigen. Über die Aussicht muss man wohl kein weiteres Wort mehr verlieren.

Praktische Infos

Tourist Information

Alpenwelt Karwendel

Dammkarstraße 3
D-82481 Mittenwald

08823 33981
info@alpenwelt-karwendel.de
www.alpenwelt-karwendel.de

Anreise

Mit der Bahn

Zugverbindung mit München über Garmisch-Partenkirchen.

Unterkunft

Hotel Garni Edlhuber

Innsbrucker Str. 33
D-82481 Mittenwald

08823 1389
www.edlhuber-mittenwald.de

Das am Ortsrand gelegene kinderfreundliche Hotel Garni Edlhuber zeichnet sich durch viel persönliche Atmosphäre, herrliche Ausblicke auf die Bergwelt, großzügig geschnittene Zimmer und ein reichhaltiges Frühstücksbüffet aus.

Haus Schweigart

Ludwig Murr Str 2
D-82481 Mittenwald

0171 8122174
www.haus-schweigart.com

Karin und Fabrizio bieten gemütliche Ferienwohnungen mit wunderschönen Blick auf Karwendel- und Wettersteingebirge. Der von der Alpenwelt Karwendel eingerichtete kostenlose Wander- und Skibus hält in der Nähe.

Gästehaus Bergzauber

Klausnerweg 26
D-82481 Mittenwald

08823 93960
www.bergzauber.de

Im bayrischen Landhausstil eingerichtete komfortable Zimmer und Appartements, ein wirklich opulentes Frühstück und eine Servicestation für Radler und Mountainbiker (inklusive Verleih) machen das Gästehaus Bergzauber zu einer vortrefflichen Wahl.

Restaurants

Das Marktrestaurant

Dekan-Karl-Platz 21
D-82481 Mittenwald

08823 9269595
www.das-marktrestaurant.de

Feine regionale Gourmetküche in stilvollem Ambiente bereitet Das Marktrestaurant zu. Eine Institution ist der preiswerte Mittagstisch.

Da Mamma Lucia

Am Untermarkt 22
D-82481 Mittenwald

08823 5777
www.mammalucia.de

Kreative italienische Küche servieren die Inhaber von Haus Schweigart im Restaurant Da Mamma Lucia (mit Sonnenterrasse). Besonders beliebt sind die in Salzkruste gebackenen Wildfische Loup de Mer und Brassen , die frisch gefangen aus dem toskanischen Orbetello geliefert werden.

Gasthaus Ferchensee

Am Ferchensee 1
D-82481 Mittenwald

08823 1409
www.ferchensee.eu

In absoluter Traumlage am gleichnamigen Badesee kommen im Gasthaus Ferchensee bayrische Spezialitäten wie Speckpfannkuchen, Forelle Müllerin oder das Ferchenseer Knödeltris (Speck-, Kas- und Spinatknödel) auf den Tisch. Außerdem wird ein komfortables Ferienappartement vermietet.

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