Wolfgang Rössig

Geheimnisvoller Buchenwald

Buchen suchen

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

„In allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch“ dichtete Goethe über den Thüringer Wald. Doch da gab es den Baumkronenweg im Nationalpark Hainich noch nicht, auf dem man die den Menschen ansonsten unzugängliche Welt der oberen Waldetagen erkunden kann.

Seit 2011 stehen Deutschlands fünf wertvollste Relikte der naturbelassenen alten Tiefland- und Mittelgebirgsbuchenwälder auf der Welterbeliste der UNESCO. Neben ausgewählten Waldgebieten der Nationalparks Hainich in Thüringen, Kellerwald-Edersee in Hessen, Jasmund und Müritz in Mecklenburg-Vorpommern gehört auch das Brandenburger Waldgebiet Grumsin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin dazu. Gemeinsam mit den schon 2007 zum Welterbe geadelten Gebirgsbuchenurwäldern der ukrainischen und slowakischen Karpaten spiegeln sie das große Spektrum der Buchenwaldtypen Europas wider. Zöge sich der Mensch aus Deutschland zurück, dann würde die Buche die gemäßigte Zone Europas zurückerobern, wie sie es nach der letzten Eiszeit schon einmal getan hat, als sie vom heutigen Slowenien aus über die Ostalpen, das Donautal und Böhmen nach Deutschland „einwanderte“.

Im Westen Thüringens, zwischen Mühlhausen, Bad Langensalza und Eisenach, vermittelt der Nationalpark Hainich – Deutschlands größter zusammenhängender Laubwald – mit über 30 Laubbaumarten den ganzen Zauber des von der Rotbuche beherrschten Walds, in dem man auch Bergahorn, Vogelkirsche und Elsbeere findet. Zwischen März und Anfang April überzieht der Hohle Lerchensporn den noch lichtüberfluteten Waldboden mit einem rosa-violetten Blütenteppich, im Mai verströmen die weißen Blütensterne des Bärlauchs ihr betörendes Aroma. Im Sommer taucht das jetzt wieder geschlossene Blätterdach der Bäume den Wald in geheimnisvolles Dämmerdunkel. Mit einem „Germanischen Kultpfad“, der acht vorchristliche Heiligtümer vorstellt, beflügelt die Parkverwaltung die Phantasie, doch war der Urwald tatsächlich untrennbar mit der germanischen Lebenswelt verbunden. Selbst das Wort „Buchstabe“ leitet sich wohl von den Stäbchen ab, mit denen man Runen in das Holz der Buche ritzte.

Einen festen Platz in der germanischen Mythologie hatten auch die Wildkatzen, die den Wagen der Göttin Freya durch die himmlischen Gefilde zogen. Sie sind die heimlichen Königinnen des Hainich. Immerhin gibt es hier neben einem Informations- und Ausstellungszentrum auch ein Schaugehege, in dem das Leben der Wildkatzen naturnah beobachtet werden kann. Wer die scheuen Tiere in freier Wildbahn zu Gesicht bekommt, darf sich aber wahrlich glücklich schätzen.

Auf dem Baumkronenpfad

Buchenwald
Buchenwald

Schon eher erspäht man auf dem 530 km langen Baumkronenpfad, der sich seit 2009 in zwei Schleifen auf 44 m Höhe durch die Kronen schlängelt, Bechsteinfledermäuse und Mittelspechte. Aber auch das Totholz ist voller Leben. Über 2000 Käferarten hat man allein im Nationalpark Hainich nachgewiesen – ein „Charakterkopf“ erster Güte ist der Kopfhornschröter, eine zu den Hirschkäfern zählende Art. Vielleicht noch attraktiver sind die Schmetterlinge – an die 800 Arten hat man im Hainich gezählt. Mit irisblauen Innenflügeln prunkt der große Schillerfalter – Schmetterling des Jahres 2011. Farbenfroh sind auch die vielen Orchideen, die in jedem Lichtstrahl aufleuchten, der durch das dichte Blätterdach fällt. Wer unter der Woche kommt, hat den Wald oft fast für sich allein, und lauscht in der Stille des frühen Morgens gebannt dem Schlag der Nachtigallen (ja, es gibt sogar einen Nachtigallenweg!) und dem Plätschern glasklarer Quellen.

Im Herbst bietet der Baumkronenweg den vielleicht bezauberndsten Anblick. Dann wirkt das Blättermeer der Baumwipfel, als wäre es in einen Tuschkasten gefallen. Vom Aussichtsturm schweift der Blick nach Norden, zur ehemaligen Freien Reichsstadt Mühlhausen. Thüringens „steinerne Chronik“ wurde schon zu DDR-Zeiten gepflegt, da 1525 in Mühlhausens stolzer Marienkirche Thomas Müntzer radikal sozialrevolutionäre Predigten hielt und sich zur tragischen Leitfigur der Bauern im Deutschen Bauernkrieg in Thüringen aufschwang. Im Süden erhebt sich die Wartburg oberhalb von Eisenach – Luthers Wirkungsstätte. Lag der Hainich noch vor zwei Jahrzehnten in unmittelbarer Nähe der deutsch-deutschen Grenze – heute das „grüne Band“ der deutschen Geschichte –, ist er jetzt nahezu der Mittelpunkt Deutschlands: geographisch, aber eigentlich auch historisch.

Praktische Infos

Tourist Information

Nationalpark Hainich

Bei der Marktkirche 9
D-99947 Bad Langensalza

03603 39070
www.nationalpark-hainich.de

Anreise

Mit der Bahn

Mit der Bahn nach Mühlhausen, Bad Langensalza oder Eisenach, ab dort Busverbindung.

Unterkunft

Hotel an der Stadtmauer

Breitenstrasse 15
D-99974 Mühlhausen

03601 46500
www.hotel-an-der-stadtmauer.de

Klein, gepflegt und gar nicht teuer, mit vorzüglichem Frühstück und kenntnisreichem Personal

Villa Anna

Fritz-Koch-Str. 12
99817 Eisenach

03691 23950
www.hotel-villa-anna.de

Erschwingliches Boutiquehotel am Fuß der Wartburg.

Hotel Graues Schloss

Thomas-Müntzer-Straße 4
D-99826 Mihla

036924 42272
www.graues-schloss.de

Wenige Kilometer westlich des Nationalparks schläft man hier in einem Renaissancebau an der Werra und speist Thüringer Spezialitäten.

Restaurants

Restaurant Zum Küsterhaus

Johann-Sebastian-Bach-Platz 3
D-99974 Mühlhausen

03601 4039418

Wirklich vorzügliche, mit viel Kreativität zubereitete Küche, und auch die Weinkarte kann sich sehen lassen.

Turmschänke

Wartburgallee 2
D-99817 Eisenach

03691 213533
www.turmschaenke-eisenach.de

Die Eisenacher Turmschänke serviert in und neben dem mittelalterlichen Nikolaiturm regionale Leckereien wie Geschmorte Wildschweinkeule mit Thüringer Hüllerchen, aber auch moderne, mediterran inspirierte Gerichte. Auf der umfangreichen Weinkarte finden sich Spitzengewächse aus dem Saale-Unstrut-Gebiet.

Reisetexte

Stories

Ausgewählte Reisetexte aus Europa, Afrika, Asien, Amerika und Australien

Reiseblog

Nachrichten aus aller Welt

Essays

Nachdenkliches über das Reisen, das Schreiben und die Tourismusindustrie

Service

Für Reiseverlage

Was kann ich für Sie schreiben, berichten, aktualisieren, recherchieren?

Für Presse und Medien

Beratung, Location Management, Interviews

E-Books

Elektronische Reiseführer für Kindle, Tolino und Smartphones

Kontakt

Wolfgang Rössig

Travel Publishing

Westenriederstr. 45
D-80331 München

Tel. +49 (0) 89 227151
wolfgang@roessig.de

website created by
Wolfgang Rössig