Wolfgang Rössig

München

Föhnige Aufheiterung

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Es gibt sie wirklich, diese Tage im Februar oder November, an denen ein laues Lüfterl den grauen Münchner Himmel unverhofft weißblau putzt und die Stadt in ein fast mediterranes Licht taucht. Mag Thomas Mann sein berühmtes Zitat noch so ironisch gemeint haben: dann »leuchtet« München wirklich. Jedenfalls den Nordlichtern.

Denn »schwer ist leicht was« findet Otfried Fischer, Münchens »XXXL« unter den Kabarettisten. Man hat die Rechnung ohne den Einheimischen gemacht. Der faselt plötzlich vom Föhn, blickt in den Abgrund seiner ersten Maß, die ihm die Kopfschmerzen nach schlafloser Nacht auch nicht betäubt hat, und fängt an, darüber nachzugranteln, was all die Zuag'roasten nur in einer Stadt mit astromischen Mieten, g'scherten Bedienungen, arroganten Türstehern und Deutschlands meistgehassten Fußballverein wollen. »Also weißt du, an diesen komischen Dialekt werde ich mich nie gewöhnen«, hat er sich in der Tram von einem Preißn sagen lassen müssen. Dabei ist er selber längst in der Minderheit, der waschechte Münchner mit seinem komischen Dialekt.

»Eam schaug o«

Müllersches Volksbad
Müllersches Volksbad

Aber er weiß sich zu wehren, der Münchner. Zwar pflegt er Fremden gegenüber, der ja »nur fremd ist in der Fremde« (Karl Valentin) eine lässige, geradezu weltmännische Toleranz, die berühmte »Liberalitas Bavarica«, und kennt beim geselligen »Prost Herr Nachbar« keinen Nord-Süd-Konflikt. Allzu impertinente Kommentare von jenseits des Weißwurstäquator über sein »Millionendorf« wischt er jedoch mit einem gemächlichen »Eam schaug o« beiseite. Was weiß er schon, »der ganz der andere«! Der Münchner selbst darf nach Herzenlust granteln, wenn seiner Weltstadt wieder mal das Herz verrutscht ist oder die Sechzger mal wieder ein Spiel in den Sand setzen, hat er doch die ewig gültige Entschuldigung eines Karl Valentin parat: »Mögen hätten wir schon wollen, aber dürfen haben wir uns nicht getraut.«

Nein, so leicht zieht dem Münchner keiner die Lederhosen aus, schon deshalb, weil er längst keine mehr an hat und wenn doch, dann hauptsächlich, weil es die Touristen halt so freut. Wenn bei der Eröffnung der modernsten Messe Europas nicht nur eine bombastische Multimediashow mit Techno-Sound und Laserblitzen abgehalten wird, sondern auch »Goaßlschnalzer« (Peitschenknaller) und Schuhplattler auftreten, dann sind das nur Beschwichtigungsgesten gegenüber den Nordlichtern, die nun einmal darauf bestehen, in den Bayern ein uriges Völkchen zu sehen.

»Geh weida, Zeit, bleib steh!«

Augustiner Bierkutscher
Augustiner Bierkutscher

Keiner hat den Konflikt, den der Münchner zwischen Vergangenheit und Zukunft auszufechten hat, besser umschrieben als mit diesem Vers der bayrische Mundartdichter Helmut Zöpfl. Und noch immer identifiziert sich so mancher Münchner heimlich mit dem legendären Dienstmann Alois Hingerl, der im Himmel solange randaliert (»Euer Manna könnt's selba saufa«), bis man ihn ins heimatliche Hofbräuhaus zurückschickt. Auch das Glockenspiel des Rathauses kündet mit Ritterkampf und Schäfflertanz von vergangenen Zeiten, doch Siemens präsentiert seine Unternehmensgeschichte in einem Science-Fiction-Film. Vom Tourismus einmal abgesehen, wuchert München nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Zukunft. Hier hat man nicht nur den pelzbesetzten »Winterzahnstocher« und die »geschmolzene Schneeplastik« (beide im Valentin-Musäum zu besichtigen) erfunden. Über das großmäulige »Isar-Athen« hat zwar schon Heinrich Heine gespottet, und auch mit der »heimlichen Hauptstadt Deutschlands« ist es vorbei, seit es an der Spree wieder eine richtige gibt, aber deswegen lebt man im deutschen »Silicon-Valley« am Isarstrand auch nicht schlechter.

Schon deshalb, weil das Geld - und es ist immer noch viel Geld - nicht nur verdient wird: In der »nördlichsten Stadt Italiens« versteht man auch, es auszugeben, und lässt andere dabei auch noch gern zuschauen. Nirgendwo sonst in Deutschland finden die Selbstdarsteller der Bussi-Gesellschaft eine so dankbare Bühne, und wer weder reich, schön noch berühmt ist, setzt sich trotzdem in ein Schwabinger Café und frönt der Devise des seligen Monaco Franze: »A bisserl was geht allaweil.«

»Ein Zustand«

Wenn es ums Bier geht, dann fließt da nicht nur ein »bisserl was«. Den Rhythmus der Stadt bestimmen nicht die Jahreszeiten wie anderswo, sondern Starkbierzeit, Maibock, Biergartensaison und Oktoberfest. Und dann gibt es diese Tage, im Februar oder November, da weht dieses Lüfterl, die Röcke schnellen plötzlich in die Höhe, die Biergärten sind voll, die Büros leer. Ja, das sind die Tage, an denen München weder Weltstadt noch Millionendorf ist, sondern etwas, was die sinnenfrohe Gräfin Reventlow Anfang des Jahrhunderts so treffend für Schwabing formulierte: »ein Zustand«.

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