Wolfgang Rössig

Amrum Nordseestrand

Abenteuer in Stein

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

In Nebel, Amrums schönsten Inseldorf, reden die Steine. Genauer gesagt, die alten Grabsteine auf dem Friedhof der romanischen, dem Schutzheiligen der Seefahrer geweihten St.-Clemens-Kirche. Und was für Geschichten das sind! Was die hier über Jahrhunderte bestatteten Seeleute an Abenteuer erlebt haben, erinnert an Seemannsgarn.

»Hier liegt der grosse Kriegesheld, ruht sanft auf Amrom Christenfeld. Als seeliger Harck Olufs, so daselbst gebohren auf Amrum Anno 1708 den 19. Julii. Bald darauf in sein jungen Jahren von den türckischen Seeräubern zu Algier ist er A[nn]o 1724 d[en] 24. Martii gefangen genommen worden. In solcher Gefangenschaft aber hat er dem türkischen Bey zu Constantin als Casnadaje 11 und ein virtel Jahr gedinet, bis ihm endlich dieser Bey A[nn]o 1735 d[en] 31. October aus Gewogenheit zu ihm seine Freyheit geschencket, da er denn das folgende Jahr darauf als A[nn]o 1736 d[en] 25. April glücklich wiederum alhier auff seinem Vaterland angelanget ist, und sich also A[nn]o 1737 in dem Stande der heiligen Ehe begeben mit Antje Harken, so nun sich nebst 5 Kindern in den betrübten Wittwestande befindet. In solcher Ehe haben sie aber einen Sohn und 4 Töchtern gezeugt. So mit ihr alle den Tod ihres Vaters fühlen müssen, da er gestorben ist A[nn]o 1754 d[en] 13. October, und sein Leben gebracht auf 46 Jahr und 13 Wochen.«

Kann das wahr sein? Oh doch, selbst dem dänischen König durfte der heimgekehrte Amrumer Harck Olufs erzählen, was ihm in jungen Jahren widerfahren war, und seine Abenteuer sind historisch belegt. Tatsächlich wurde das Schiff »Hoffnung«, auf dem der erst 15 Jahre alte Harck unterwegs war, auf der Höhe der Scilly-Inseln vor England von algerischen Piraten überfallen und die Mannschaft nach Algier verschleppt. Harck wird auf dem Sklavenmarkt feilgeboten, sein Freikauf scheitert, doch der junge Kerl ist gewitzt, lernt Arabisch und Türkisch, tritt zum Islam über und macht in den Diensten des Beys von Constantine Karriere bis zum Oberbefehlshaber der Kavallerie. Nachdem er dessen Armee zur Eroberung von Tunis verholfen hat, wird er zum Dank endlich freigelassen, um nach seiner Rückkehr ein Leben als Familienvater zu führen.

Amrum Friedhof Grabsteine
Amrum Friedhof Grabsteine

Man musste natürlich schon reich sein, um sich einen so redseligen Nachruf leisten zu können, denn bezahlt wurde nach gravierten Lettern, und allein für vier Buchstaben hätte ein einfacher Mann ein Jahreseinkommen aufbringen müssen. Ein Kapitän, besonders wenn er vor Grönland auf Walfang ging, brachte dagegen nach einem erfolgreichen Jahr das Hundertfache nach Hause. Auch die damals typischen Schiffe, mit denen die Kapitäne zu See fuhren, sind auf den Grabsteinen abgebildet. Manche Schiffe liegen abgetakelt und vertäut im Hafen: Sinnbild für das Ende der Lebensfahrt. Kreuz, Herz und Anker stehen für die christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung.

Dass diese ab 1678 bis Mitte des 19. Jhs. gemeißelten steinernen Zeugnisse heute überhaupt noch zu lesen sind, ist der sorgfältigen Renovierung und Neuaufstellung in thematischer Ordnung durch eine Amrumer Projektgruppe ab 2009 zu verdanken. Der Friedhof wurde dafür in den angrenzenden Kurpark ausgedehnt.

Inselkultur

Amrum Leuchtturm
Amrum Leuchtturm

Wie in Nebel zahlreiche schmucke Kapitänshäuser mit gepflegten Gärten zeigen, konnten sich die Heimkehrer nicht nur einen Grabstein leisten. Besonders schön ist das 1736 erbaute Öömrang Hüs am Waaswai, das Amrums Inselkultur bewahrt. In anderen Friesenhäusern sind heute behagliche Ferienwohnungen, Restaurants und Gartencafés untergebracht. Hier wird auch der berühmte Pharisäer serviert: gesüßter Kaffee, brauner Rum und eine Haube aus Schlagsahne. Nach einem ausgedehnten Spaziergang mit viel gesunder jodhaltiger Luft schmeckt das Getränk besonders gut. Durch die Westerheide führt der Nebeler Strandweg durch ein Wäldchen und Dünen auf den Kniepsand. Mit bis zu anderthalb Kilometern ist er Deutschlands breitester Sandstrand. Zwischen Nebel und Wittdün erhebt sich der 28 m (mit Düne 66 m) hohe, 1875 eingeweihte rot-weiße Leuchtturm der Insel, den man besteigen kann, um bei klarem Wetter einen Panoramablick über eine wie hingemalt wirkende amphibische Landschaft aus Wald, Dünen, Marsch, Watt und Sandstrand hinüber nach Sylt, Nordstrand, Pellworm und Föhr zu genießen.

Im Sommer bauen sich am Kniepsand manche Feriengäste zum Schutz vor Wind und Regen regelrechte Strandbuden aus Treibholz, Fässern, Masten, Plastikplanen und sonstigen, oft bizarren Strandfunden: die Amrumer Alternative zum Strandkorb, die im Herbst die stürmische Nordsee in der Regel einfach wieder abräumt. Von wegen Trutz Blanke Hans! Aber die Baumeister sind schließlich nur Freizeitkapitäne, keine Grönlandfahrer von anno dazumal.

Praktische Infos

Tourist Information

Amrum Touristik Nebel

Meeskwai 1a
D-25946 Nebel

(04682) 94300
info@amrum.de
www.amrum.de

Informationen über die »Sprechenden Steine« unter www.erzaehlende-steine.de

Anreise

Mit Bahn und Fähre

Mit Auto oder Bahn von Hamburg über Husum nach Dagebüll, ab dort Autofähre der Wyker Dampfschiffs-Reederei.

Unterkunft

Ekke Nekkepenn

Waasterstigh 19
D-25946 Nebel

(04682) 94560
www.ekkenekkepenn.de

Individuelles, persönlich geführtes, zentral gelegenes Frühstückshotel mit 9 Zimmern und Suiten.

San auer Neebel

Constanze Peters
Krümwai 3
D-25946 Nebel

(0421) 72252
www.traum-ferienwohnungen.de/21428/

»Sonne über Nebel« heißt dieses wunderschöne reetgedeckte Friesenhaus mit drei sehr großzügig gestalteten Ferienwohnungen.

Friesenhof Haus Hafis

Annette und Erk Winkler
Uasterstigh 33
D-25946 Nebel

(04682) 9688847
www.friesenhof.net

Ideal für Familien geeignete sechs Ferienwohnungen im Friesenhof Haus Hafis, teilweise mit herrlichem Wattblick und großzügigem Wellnessbereich (Sauna, Dampfbad und Solarium).

Restaurants

Seekiste

Smääljaat 2
D-25946 Nebel

(04682) 961526
www.seekiste-amrum.de

Die Seekiste ist ein altes Friesenhaus mit Reetdach und maritimen Dekor, das friesische Leckereien serviert. Man speist auch im windgeschützten Wintergarten oder bei sonnigem Wetter auf der offenen Terrasse.

Friesen-Café

Uasterstigh 7
D-25946 Nebel

(04682)96620

Feine Torten und Waffeln, hübscher Garten.

Reisetexte

Stories

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