Wolfgang Rössig

Torres del Paine

Torres del Paine

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Mächtige Gletscher, glasklare, türkis und mintgrün schimmernde Seen, reißende Bergflüsse, subantarktische Tundra, Hochgebirge mit bizarren Felslandschaften, üppige Südbuchenwälder: Im Nationalpark Torres del Paine findet man wirklich alles, was die raue Schönheit Südpatagoniens ausmacht.

Paine bedeutet »himmelblau«. Diesen Namen haben die indigenen Aónikenk einst dem Paine-Massiv gegeben, weil es besonders bei bewölktem Wetter bläulich leuchtet. Entstanden ist es, als glutflüssige Magma vom Erdinneren aufstieg, durch eine dicke Sedimentkruste stieß und noch unterhalb der Oberfläche zu Granit erstarrte. Über Jahrmillionen schliffen die Erosionskräfte der Gletscher das darüberliegende, weichere Schiefergestein ab und formten die scharfkantigen Felsspitzen. Die dunkle Felskappe der cuernos ist ein Sedimentgestein, der Granit ist ockerfarben.

Flora und Fauna

105 Vogel-, 25 Säugetier- und etwa 200 Pflanzenarten hat man im Nationalpark gezählt, der folgerichtig 1978 zu einem Biosphärenreservat der Unesco erklärt wurde. Ähnlich wie rund um das Massiv von Cerro Fitz Roy und Cerro Torre in Argentinien bestimmen vier große Vegetationszonen den Nationalpark: Patagonische Steppe, präandine Gebüschzone (darunter zwischen September und Dezember farbenfroh blühende Calafate-Sträuche, Fuchsien und Notros), laubwerfender Magellanwald mit Lenga, Ñirre und Coigüe sowie andine Wüste unterhalb der Grenze des ewigen Schnees und Eises.

An Säugetieren trifft man vor allem Guanakos, Magellanfüchse, Pampafüchse, Kaphasen, Patagonische Skunks, Gürteltiere und Südandenhirsche (huemules) an. Vom Puma wird man allenfalls Tatzenabdrücke im frisch gefallenen Schnee zu sehen bekommen. Vögel kennen ebenfalls keine Grenzen, und so sind hier wie im benachbarten Parque Nacional Los Glaciares der Kondor, der Ñandú genannte Darwinstrauß, die Magellangans, der Schwarzhalsschwan, der Chile-Flamingo und der Smaragdsittich heimisch.

Raues Klima

Cuernos del Paine
Cuernos del Paine

150 000 Besucher zählt der Nationalpark jedes Jahr, darunter 70 % Ausländer. Die meisten kommen in den Sommermonaten Januar und Februar. Dabei ist es eigentlich im Frühling (Sep-Nov), wenn die Wildblumen blühen und die Winde nicht so heftig wehen, aber auch im kühlen, aber trotzdem oft sonnigen und farbenfrohen Herbst (März-April) schöner. Auch Mücken und Bremsen, die an sonnigen Tagen die Wanderer plagen, sind dann kein Problem. Der Park ist übrigens auch im Winter nicht unzugänglich. Zwar sinken die Temperaturen dann auf den Gefrierpunkt und die Tage sind kurz, aber die Sonne scheint gar nicht selten, und die im Sommer so heftigen Winde flauen völlig ab. Regnen kann es aber das ganze Jahr über. Überhaupt ist das Mikroklima im Park völlig unberechenbar und hängt von der Nähe zu einem Gletscher, Bergmassiv oder See ab. So kann am Lago Paine und der Laguna Azul die brennende Sonne die Temperaturen an windstillen Tagen auf 25-30 °C treiben, während Stunden später eisiger Wind Schnee und Graupelschauer vom Glaciar Grey herunterfegt.

»O« oder »W«?

Schon in Puerto Natales wird jeder, der ernsthaftes Trekking im Nationalpark ankündigt, nach diesen zwei Buchstaben gefragt. Circuito »O« heißt die die mit Abstechern 125 km lange komplette Umrundung der Torres und Cuernos vom Ausgangspunkt Laguna Amarga oder Hostería Las Torres gegen den Uhrzeigersinn. Theoretisch ist sie in 6 Tagen zu bewältigen; kalkuliert man aber schöne Abstecher, Ruhetage und hartnäckige Schlechtwetterphasen ein, sind 8 bis 10 Tage realistischer. Echte Fans bleiben sowieso zwei Wochen. Den Paso John Garner (Höhe 1241 m), von dem sich ein fantastischer Blick auf den Glaciar Grey und das südliche Eisfeld bietet, darf man aus Sicherheitsgründen (Verirrungsgefahr) nur in Begleitung anderer Trekker überschreiten! Ansonsten ist die Route meist gut mit orangefarbenen Punkten, Strichen, Steinhügeln oder Plastikfähnchen markiert. GPS-Orientierung ist also überflüssig. Größere Flüsse überspannen Hängebrücken, kleinere Bäche muss man schon mal durchwaten: sehr erfrischende Kneipp-Kuren!

Wer es nicht ganz so anstrengend mag, entscheidet sich für die Wanderung »W«. So heißt die »Light-Variante«, weil die vorgeschlagene mittelschwere Trekkingtour zu den Highlights am Südrand des Massivs in etwa ein W beschreibt. Hier sind 4 bis 5 Tage realistisch. Einsteigern sei empfohlen, zunächst einmal Eintagestouren auf dem »W« zu den schönsten Aussichtspunkten anzugehen, damit man nicht erschöpft in den entlegensten Regionen des Nationalparks strandet. Außerdem kann man den »W« auch ohne Zelt gehen. Schutzhütten müssen aber vorgebucht werden und sind im Januar und Februar hoffnungslos überfüllt, sodass ein Zelt wesentlich mehr Freiheit bietet.

Tagestouren

Cuernos del Paine
Cuernos del Paine

Die Refugios sind gute Ausgangspunkte für Tagestouren auf dem »W« mit leichtem Tagesgepäck. Ideal und schön gelegen ist die moderne, windgeschützte Paine Grande Mountain Lodge. Man erreicht sie bequem mit dem Katamaran, der von Pudeto (Koordinierung mit Busfahrplan) über den Lago Pehoé fährt. Von hier sind es nur Spaziergänge zum Salto Grande, dem größten Wasserfall (ca. 15 m Höhe) im Nationalpark, sowie zum eine Stunde entfernten Mirador Nordenskjöld, von dem man direkt in das Valle del Francés blickt. In zwei Stunden kann man von der Mountain Lodge zum Mirador Grey wandern. Von hier bietet sich ein Traumblick auf den (auch mit Katamaran von der Hotel Lago Grey zugänglichen) Glaciar Grey und die Berge auf dem Inlandeis.

Eine gute Basis ist das Refugio Paine Grande auch für eine Tageswanderung in das traumhaft schöne Valle Francés. Zwei Stunden durch schönes Matorral-Buschland - mit Überquerung einer Hängebrücke - sind es zum Campamento Italiano am Talausgang. Von hier wandert man entlang einer Moräne direkt gegenüber des grandiosen Hängegletschers Glaciar Francés bergauf und anschließend durch schönen Lenga-Wald zum idyllisch gelegenen Campamento Británico (2 1/2 Std.). Eine Viertelstunde bzw. eine weitere gute Stunde talaufwärts gibt es Aussichtspunkte mit herrlichem Blick auf die Granitspitzen Aleta Tiburón und Castillo. Wer nicht zelten möchte, schafft es am gleichen Tag zurück zum Ausgangspunkt oder zum etwas näheren, ebenfalls guten Refugio Los Cuernos am Nordufer des Lago Nordenskjöld. Im Británico campen lohnt sich aber, da die mächtigen Felswände bei Sonnenaufgang rot glühen.

Magischer Sonnenaufgang

Von der Hostería Las Torres bietet sich die Wanderung zum Campamento Chileno (2 Std.) und weiter durch das wunderschöne Valle Ascensio zum Campamento Torres (1 1/2 Std.) an. Von dort geht es in einer Stunde zum Mirador Torres. Diese Tagestour gilt als absolutes Highlight, denn vom Mirador präsentieren sich die drei Granitspitzen der Torres in all ihrer Pracht. Torre Central (2800 m), Torre Sur (2850 m) und Torre Norte (2600 m) steigen senkrecht über 1000 m oberhalb einer milchgrünen Lagune und einer Steilwand auf: doppelt so hoch wie die Südtiroler Drei Zinnen in den Dolomiten. Allerdings hüllen sie sich besonders nachmittags oft in dichte Wolken. Ein unvergleichliches Erlebnis ist es, sie im ersten Morgenlicht orangerot erglühen zu sehen. Dazu muss man im Campamento Torres sein Zelt aufschlagen und eine Stunde vor Sonnenaufgang (mit Taschenlampe) losmarschieren. Das letzte Stück ist eine Stolper- und Rutschpartie über Geröll und Felsen. Hat man Pech mit dem Wetter, bleiben die Torres grau. Eine Alternative ist die Wanderung vom Campamento Torres zum Campamento Japonés (bei Kletterern beliebt) ins einsame Valle del Silencio. Hier warten die kaum minder eindrucksvollen senkrechten Wände von Fortaleza und Escudo.

Weitere Wanderungen

Nicht zum klassischen »W« gehören die ebenfalls sehr lohnenden Wanderungen zu weiteren Aussichtspunkten rund um die Guarderías Lago Grey. Eine halbe Stunde ist es von hier bis zum Mirador auf der Halbinsel Grey. Dabei überquert man zunächst eine Hängebrücke, spaziert durch einen kleinen Wald, in dem Smaragdsittiche (Cachañas) kreischen, und kommt dann an einen Sandstrand. Ein kleiner Felsen ragt in den See hinein, in dem im Spätfrühling noch Eisberge treiben. Hier entfaltet sich ein herrliches Bergpanorama mit den zweifarbigen Cuernos, dem Cerro Paine Grande und dem Glaciar Grey. Bei blauen Himmel, besonders aber bei Sonnenuntergang, möchte man hier stundenlang sitzen bleiben. Der Mirador ist auch mit der Fähre zu erreichen, die zwischen dem Hotel Lago Grey, dem Grey-Gletscher und dem Refugio Grey pendelt.

Nicht minder berauschend ist das Gesamtpanorama des Nationalparks, das sich auf der Wanderung von der Guarderías Lago Grey zum Mirador Ferrier (300 m) bietet (3 1/2 Std. hin und zurück).

Praktische Infos

Tourist Information

Centro de Informaciones Ecológicas

Die Parkverwaltung am Ufer des Lago del Toro in der Nähe des Río Paine bietet ein Centro de Informaciones Ecológicas mit guter naturkundlicher Ausstellung.

Web: www.parquetorresdelpaine.cl

Öffnungszeiten

Hochsaison (Okt-April) Portería Río Serrano tgl. 7-22 Uhr (sonst 8-18.15 Uhr), Portería Lago Sarmiento tgl. 8.30-20 Uhr (sonst bis 17.30 Uhr), Portería Laguna Amarga 8.30-20 Uhr (sonst bis 17.30 Uhr).

Conaf unterhält weitere sieben Guarderías mit Parkwächtern, Funk und Toiletten: Laguna Azul, Lago Pehoé, Lago Sarmiento, Laguna Amarga (mit Kiosk und Bushaltestelle), Posada Río Serrano, Lago Grey und Laguna Verde (am südlichen Parkeingang neben der Hostería Mirador del Paine, manchmal nicht besetzt).

Kartenmaterial

Bei allen ist eine trekkingtaugliche Karte des Nationalparks im Maßstab von 1:100 000 erhältlich. Sehr gut ist auch die Karte Torres del Paine Trekking Map von Zagier y Urruty, die u.a. in Puerto Natales verkauft wird.

Anreise

Mit dem Flugzeug

Aerovías DAP fliegt mehrmals täglich nach Porvenir (1/2 Std.) sowie mit einer oft ausgebuchten Twin Otter DHC 6 (19 Passagiere) nach Puerto Williams/Isla Navarino (1 1/4 Std.). LAN Chile fliegt im Sommer mehrmals wöchentl. nach Ushuaia, ist aber oft lange im Voraus ausgebucht.

Mit dem Bus

Die ersten Busse von Puerto Natales fahren zwischen 7 und 7.30 Uhr los (bis zum späten Vormittag sowie am Nachmittag weitere Busse), erreichen über die alte Route über Cerro Castillo etwa um 10 Uhr den Parkeingang Laguna Amarga, um 11 Uhr die Guardería Pehoé und um 12.30 Uhr die Endstation der CONAF-Parkverwaltung. Auf ihrem Weg durch den Nationalpark nehmen sie Passagiere mit (der Fahrer verlangt ein kleines Entgelt). Da ihre Fahrpläne allerdings weitgehend identisch sind, kommt es zu langen Wartezeiten.

Zwischen der Guardería Laguna Amarga und der Hostería Las Torres bzw. zwischen der Conaf-Parkverwaltung und der Hostería Lago Grey besteht regelmäßiger, auf die Ankunfts- und Abfahrtspläne der Busse (bzw. Boote) abgestimmter Shuttleverkehr. Die Hotels organisieren Transporte zu bestimmten Zielen im Park (Preise verhandelbar). Am besten schließen sich mehrere Wanderer zusammen, dann wird es pro Person günstiger.

Wer vom Nationalpark mit dem Bus nach El Calafate will, fährt entweder nach Puerto Natales zurück oder steigt in Cerro Castillo aus, um dort die zwischen Natales und El Calafate verkehrenden Busse zu erwischen. In der Hochsaison organisiert Chaltén Travel direkte Busverbindungen zwischen dem PN Torres del Paine und El Calafate.

Mit dem Schiff

Zwischen Oktober und April verkehrt der Katamaran Hielos Patagónicos in Puerto Natales auf dem Lago Pehoé zwischen Pudeto und dem Refugio Paine Grande (1/2 Std.). Im Oktober und April fährt tgl. ein Boot um 12 Uhr von Pudeto (Rückfahrt 12.30 Uhr) ab, In der ersten Novemberhälfte sowie in der zweiten Märzhälfte kommt eine zweite Abfahrt um 18 Uhr hinzu (Rückfahrt 18.30 Uhr). Mitte Nov-Mitte März gibt es drei Abfahrten um 9.30, 12 und 18 Uhr (Rückfahrt jeweils eine halbe Stunde später). Es wird eine feuchte und oft auch unruhige Überfahrt. Schlechtes Wetter kann die Fahrpläne durcheinanderbringen.

Das Hotel Lago Grey organisiert einen sehr zu empfehlenden dreistündigen Bootsausflug mit dem Katamaran Grey II von der Halbinsel Mirador Grey über den See zum Glaciar Grey (tgl. 8 und 15.30 Uhr. Dabei kommt man den Eiswänden des Gletschers sehr nahe. Das Schiff legt einen Halt beim Refugio Grey ein. Zwischen der Administración und Hotel verkehrt ein Shuttle.

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