Wolfgang Rössig

Salvador da Bahia

Salvador mit allen Sinnen

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Dona Flor, die berühmte Romanheldin von Jorge Amado, lebte mit ihren zwei Ehemännern mitten in Salvador, und wer durch die von Touristen wenig besuchten Viertel Nazaré und Barroquinha streift, glaubt ihr auf Schritt und Tritt zu begegnen. Kein Wunder, hier wurde 1976 der sinnliche Film mit Sonia Braga gedreht, der vielleicht mehr für das Renommee von Salvador geleistet hat als hundert Hochglanzbroschüren. An der Praça D. Anna Nery Nr. 12 steht das hübsche, mit Azulejos geschmückte Haus, in dem die lebenslustige Dona Flor das Bett mit ihrem zweiten Gatten, dem sittenstrengen Apotheker, und dem Geist ihres nichtsnutzigen, aber liebeskundigen ersten Ehemanns teilt.

Das touristische Salvador liegt nur einen Spaziergang durch enge Gassen entfernt. Mit dem 1872 erbauten Aufzugsturm Elevador Lacerda geht es von der Cidade Baixa unten am Hafenbecken 72 Meter senkrecht hinauf in die Oberstadt. Der Stadtteil Pelourinho, benannt nach dem nicht mehr existierenden Pranger, an dem die Sklaven ausgepeitscht wurden, ist ein inzwischen sorgfältig restauriertes Juwel farbenfroher lateinamerikanischen Barockarchitektur und seit 1985 UNESCO-Weltkulturerbe. In den 1930er Jahren waren die Familien der weißen Mittel- und Oberschicht vor dem Gelbfieber ans Meer geflohen und residierten fortan in den weitläufig ins Grüne gebauten eleganten Vierteln Barra, Rio Vermelho und Pituba. Der Pelô in der Oberstadt, am fauligen Wasser der Bucht, wandelte sich zu einem Armenviertel, in dessen Herrenhäuser man mittellose schwarze Familien pferchte. 1945 klagte Jorge Amado darüber, wie ungerecht es doch sei, „dass so viel Schönheit in so viel Elend ruht“. Und doch, oder vielleicht gerade deshalb, wurde der Pelourinho zu einem Zentrum afrobrasilianischer Identität. Die Sanierung der 1980er Jahre hat viele arme Einwohner verdrängt, und der Pelourinho, vorher ein Nährboden für Prostitution und Drogenkriminalität, ist inzwischen eine von Polizisten bis spät in die Nacht hinein aufmerksam bewachte koloniale Oase mit vielen Bars und Cafés, und seit 2005 fast autofrei.

Die Baianas

Baianas

Die „Baianas“ jedoch durften bleiben. So heißen die in weiße, lange Spitzenröcke und kunstvolle Blusen mit filigranen Bordüren und handgeklöppelten Spitzen gehüllte Einwohnerinnen der Stadt, die auf der Straße aus kleinen Garküchen Speisen verkaufen. Mit ihren Schärpen und Turbanen sind sie beliebte Fotomotive. Ihre Aracajés — in Dendê (Palmöl) herausgebackener Teig mit Bohnen, Krabben und Zwiebeln — muss man einfach mal probiert haben. Laut Gesetz dürfen sich die Baianas überall niedersetzen, um Essen verkaufen, auch auf der Praça da Sé, wo sie sich für Touristen besonders bunt ausstaffiert haben und ihren Goldschmuck blitzen lassen. Der Platz wird von der zwischen 1657 und 1672 errichteten Catedral Basilica beherrscht, eine barocke Jesuitenkirche, die innen vor Gold geradezu strotzt. Die silberne Madonnenstatue Nossa Senhora das Maravilhas des Franziskusaltars soll den Jesuitenpater Antônio Veira im 17. Jahrhundert dazu inspiriert haben, gegen die Versklavung der indianischen Bevölkerung Brasiliens zu kämpfen, was ihm entsprechenden Ärger mit der Inquisition einbrachte.

Noch prachtvoller ist die zwischen 1708 und 1750 erbaute Igreja de São Francisco, deren Innenraum überreich mit vergoldeten Schnitzereien verziert ist: Heiligenfiguren, Putten, Vögel, Früchte, Blattwerk und Meerjungfrauen, das ganze barocke Programm. Die Wände des Klosterkreuzgangs zieren 37 Azulejos, deren Bildszenen 1737 in Portugal gemalt wurden. Am abschüssigen Largo do Pelourinho steht die schöne Igreja Nossa Senhora do Rosário dos Pretos mit ihren zwei blaugetünchten Türmen. Sie wurde 1704-1796 von Sklaven von freigelassenen Afrikanern gebaut, denen der Zutritt in die Kirchen der Weißen verwehrt war.

Afrikanische Traditionen

Azulejos mit alter Stadtansicht

Baianos sind Afrikaner und stolz darauf. Im Museo Afro-Brasileiro, das in der alten medizinischen Fakultät an der Nordecke des Terreiro de Jesus untergebracht ist, erfährt man viel über die afrobrasilianische Kunst und Kultur von Bahia. Von besonderer Faszination sind die großen Holzschnitzereien des renommierten Künstlers Carybé (1911-1997): Sie zeigen die Orixás, die lebensfrohen Götter des Candomblé-Kults, mit ihren charakteristischen Attributen, Waffen und Tieren. Die meisten schwarzen Brasilianer wurden von Angola und Nigeria über Salvador nach Brasilien verschleppt, katholisch zwangsgetauft, und blieben doch sehr oft ihren Orixás verbunden. Nur mit Bauchgrimmen nimmt der katholische Klerus den Synkretismus hin, und wenn eine der größten Feiern der Candomblé stattfindet, der Lavagem do Bomfim, verrammelt die Kirche einfach ihre Pforten. Die Baianas kümmert das nicht: Am zweiten Donnerstag nach dem Dreikönigsfest ziehen sie vom Stadtzentrum Salvadors in einer Prozession zur zehn Kilometer entfernten Kirche Nosso Senhor do Bomfim hinaus, die auf einer Landzunge in der Bahia de Todos os Santos, der Allerheiligenbai liegt, nach der die Stadt benannt ist. Baianas in weißen Spitzenkleidern waschen die Stufen der Kirche mit parfümierten Wasser zu Ehren von Oxalá. Der Gott der Fruchtbarkeit wird im afro-katholischen Synkretismus oft mit Jesus verglichen. Die Tradition reicht zurück bis in die Tage, als die Sklaven die Kirche nicht betreten durften und draußen beten mussten.

Dreimal Glück

Salvador da Bahia

Bunte Stoffarmbänder, die Fitinhas, hängen am Gitter vor der Kirche. Sie werden gegen Entgelt auch gerne Touristen ums Handgelenk gebunden und müssen, dreimal verknotet, von allein abfallen, dann gehen drei Wünsche in Erfüllung. „Lembrança do Senhor do Bomfim“ steht darauf, Erinnerung an den Herrn des Guten Endes. Sie abzuschneiden, bringt Unglück.

Oxalá ist die Farbe Weiß zugeordnet, Blau ist dagegen die Farbe von Yemanjá, die Mutter der meisten Orixás, kapriziöse Meeresgöttin und Symbol der mütterlich umsorgenden Liebe. An ihrem Festtag, dem 2. Februar, lassen weißgekleidete Frauen im Stadtteil Rio Vermelho zahlreiche Boote zu Wasser, die mit Geschenken — Blumen, Duftwässerchen, Spiegeln, Schmuck, Lippenstifte und Bittbriefe — aufs Meer hinaustreiben, um die Gaben den Fluten der als eitel geltenden Göttin zu übergeben. Doch auf rituelle Opfergaben am Wegesrand trifft man in Bahia überall, auch für Xangó, der Blitz und Donner befehligt, oder Exu, der gerne Schnaps trinkt und eine Zigarre raucht. Ihm gebührt stets das erste Opfer, er kontrolliert das Axé, die mystische Kraft, ohne die kein Leben existiert. Exu ist der Trickster, der „die Wege öffnet“, und damit auch der Orixá der Reiseautoren. So las es jedenfalls eine Candomblé-Priesterin aus dem Wurf der Kaurimuscheln...

Magie des Candomblé

Über tausend Kultstätten des Candomblé, bei dem die Frauen das Sagen haben, gibt es in Salvador, vom einfachen Terreiro im Hinterhof bis hin zur tempelartigen Casa Branca in der Avenida Vasco da Gama, die schon 1830 von Sklaven gegründet wurde. Candomblé ist kein Geheimkult, und mit etwas Glück kann man eine authentische Zeremonie erleben, bei der Haustiere geopfert werden und initiierte Tänzerinnen in Trance verfallen. In deren Verlauf werden sie zu Medien der Götter, die auf diesem Weg — über die Gestik der Tänzer — ihre Botschaften an die Menschen übermitteln. Ein Führer bringt Besucher sicher ins Armenviertel Liberdade: Weiße oder zumindest helle Kleidung ist Pflicht. Die vom Touristenbüro vermittelten Veranstaltungen sind allerdings meist nachgestellte Zeremonien.

Das Fest vom Guten Tod

Absolut „echt“ ist dagegen die berühmte Festa da Boa Morte, die vom 13. bis 15. August in Cachoeira stattfindet, einem im Dämmerschlaf versunkenem Kolonialstädtchen mit kopfsteingepflasterten Straßen und bunten alten Häusern im Recôncavo genannten Hinterland von Salvador am westlichen Ende der Bucht. Im Anschluss an einen katholischen Gottesdienst ziehen die Mitglieder der „Schwesternschaft des Guten Todes“, eine religiöse Selbsthilfeorganisation, in bunten Spitzenblusen und -röcken durch die Gassen. Die Anführerin der Prozession trägt eine Statue der Madonna, doch der afrikanische Kreistanz Samba de Roda und die zubereiteten Gerichte — alle weiß — gelten den Orixas.

Praktische Infos

Tourist Information

Visit Brasil

www.visitbrasil.com

Bahiatursa

www.bahiatursa.ba.gov.br

Beste Reisezeit

Die klimatisch günstigste Reisezeit liegt zwischen Mai bis November. Dann ist es nicht so schwül, und die tropischen Schauer sind nur von kurzer Dauer. Hauptsaison sind Dezember bis März und Juli. Während des Karnevals im Februar oder März muss man lange im voraus reservieren.

Einreisebestimmungen

Deutsche, Österreicher und Schweizer benötigen zur Einreise in Brasilien für einen Aufenthalt von bis zu 90 Tagen lediglich einen noch mindestens 6 Monate gültigen Reisepass, im Land herrscht Ausweispflicht (Fotokopien mitnehmen).

Impfungen

Impfungen für die Einreise sind nicht zwingend vorgeschrieben, eine Gelbfieberimpfung empfiehlt sich lediglich, wenn man sich längere Zeit im Amazonasgebiet und weiter im Norden aufhalten möchte. Malariaprophylaxe kann sinnvoll sein, ist aber an der Küste weniger dringlich. Dengue-Fieber kann auftreten, eine Impfmöglichkeit gibt es nicht.

Anreise

Mit dem Flugzeug

Condor fliegt von Deutschland direkt, die portugiesische TAP über Lissabon nach Salvador da Bahia.

Unterkunft

Convento do Carmo

Pelourinho, Rua do Carmo 1
Salvador, Bahia

+55 71 3327 8400
www.pestana.com

Brasiliens erstes historisches Luxushotel wurde in einem ab 1586 errichteten Kloster der Karmeliter mitten im Pelourinho-Viertel eröffnet. Das Foyer ist besonders elegant gestaltet und die Zimmer sind sehr komfortabel, es lohnt sich aber, mehrere anzusehen. Kleiner Pool. Vorzügliches Restaurant.

Hotel Villa Bahia

Largo do Cruzeiro de São Francisco 16-18
Salvador, Bahia

+55 71 3322 4271
www.lavillabahia.com

Charmantes Boutique-Hotel unter französischer Leitung in einem renovierten Stadthaus aus dem 18. Jahrhundert gleich neben dem Convento de São Francisco. Mit Pool sowie Jacuzzi auf der Dachterrasse.

Pousada do Boqueirão

Rua Direita do Santo Antônio 48
Salvador, Bahia

+55 71 3241 2262
www.pousadaboqueirao.com.br

Besonders elegante Posada mit italienischem Innendesign und schicken Themenzimmern. Von den Zimmern im obersten Stock bietet sich ein toller Ausblick auf die Baía de Todos os Santos. Erstklassiges Frühstück.

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