Wolfgang Rössig

Rock Art Ubirr

Traumzeit in Arnhem Land

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Wer mehr als nur flüchtige touristische Einblicke in die einzigartige Kunst der "Tjukurrpa", der Traumzeit, mit nach Hause nehmen möchte, der braucht vor allem Zeit und viel Geduld. So war es ein selten gewährtes Privileg, mit Big Bill Neidjie, Mitglied des Buntitj-Clan des Gagudju-Stammes, die im urzeitliche Arnhem Land Plateau verbreitete Felskunst zu "erwandern". Bill, der 2002 verstarb, war der letzte Mensch, der noch die Gagudju-Sprache sprach. Nach ihr ist der zum Weltkulturerbe zählende Kakadu National Park benannt: eine archaische Landschaft westlich des East Alligator River, mit Überschwemmungsebenen und urzeitlichen Felsmassiven.

Bill wurde Anfang der 1940er Jahre initiiert. Die traditionellen Geheimnisse um diese Darstellungen wurden über viele Jahrtausende hinweg von Generation zu Generation nur an Initiierte weitergegeben. Doch als Bill begriff, dass er der letzte Hüter dieser Geheimnisse sein würde, entschloss er sich, sie preiszugeben. Zeit seines Lebens trachtete Bill als Hüter des Parks danach, den Besuchern von Kakadu die Liebe und Verbundenheit der Aborigines zu ihrem Land zu vermitteln und das schon fast verschüttete Wissen und die gefährdete Natur zu bewahren.

Wie kein anderer Ort in Australien bietet der riesige, fast 20000 km2 große Nationalpark am 600 km langen Steilabfall des urzeitlichen Arnhem-Escarpment Besuchern die Möglichkeit, künstlerisch faszinierende und bis zu 20000 Jahre alte Felsmalereien der Aborigines zu sehen, die anderenorts nur schwer zugänglich oder für Besucher ganz tabu sind. Drei Stätten, Burrunguy (Nourlangie Rock), Nanguluwurr und Ubirr Rock, hat man der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um die vielen anderen um so besser schützen zu können, mit denen die Aborigines nach wie vor eine enge Beziehung pflegen.

Zwei Hauptstilrichtungen im Kakadu National Park lernen auch Laien schnell zu unterscheiden, den sehr alten "Mimi-Stil", der stockartige Geisterwesen abbildet, und den jüngeren, weit bekannteren "Röntgenstil". Hier bildet der Künstler nicht nur die äußere Hülle des Körpers ab, sondern auch das Knochenskelett und die inneren Organe. Die Aborigines verwendeten dabei feuchte Pigmentfarben, Rot und Ocker, weißen Pfeifenton sowie schwarze Holzkohle oder Manganoxid.

Nourlangie Rock

Nourlangie Rock

Die meistbesuchte Felskunststätte Australien ist Nourlangie Rock, ein steil über den Flutebenen aufragender zerklüfteter Sandsteinfelsen. Die Malereien am Anbangbang Shelter wurden 1964 von dem großen, voll initiierten Felsmaler Najombolmi (um 1895-1967) neu aufgetragen, auf viel älteren verwitterten Schichten. So so haben es die Aborigines seit je her gemacht, nur dass die "Auffrischung" an anderen Orten wesentlich länger zurückliegt. Die Personen sind im Röntgenstil mit Brustgürtel und strahlenartigen Haaren abgebildet. Zwei Frauen sind als Zeichen der Fruchtbarkeit mit Milch in ihren Brüsten dargestellt. Hoch an der Wand erscheinen mythische Wesen. Die dominierende Figur, mit Skelett und gespreizten Beinen dargestellt, ist Namandjolk, der gefährliche Geist. Zu seiner Rechten erkennt man den "Blitzmann" Namarrkon. Die aus seinem Kopf wachsenden und an Knien und Ellbogen befestigten Steinäxte schleudert Namarrkon in der Regenzeit in die Wolken, um damit den Blitz auszulösen. Die weibliche Figur mit gespreizten Beinen ist Barginj, die Frau des Blitzmannes. Zur Linken des Hauptfries ist isoliert eine einzelne männliche Figur mit stattlichem Penis abgebildet. Dabei handelt es sich um Nabulwinjbulwin, einen gefährlichen Geist, der Frauen mit einer Yamwurzel schlägt und anschließend verspeist.

Nangaluwurr

Wesentlich weniger häufig aufgesucht wird der Felsüberhang von Nangaluwurr an der Nordseite des Nourlangie Rock. Hier sind einige der Figuren im sogenannten "dynamischen Stil" abgebildet: Sie laufen über die Wand, tragen Kopfputz, Bumerangs und Speere. Etwas weiter unten erkennt man bösartige männliche und weibliche Geister. Die frappierendste Darstellung ist ein in weißem Ocker gemaltes Schiff, das mit geblähten Segeln die See kreuzt. Sogar der Anker mit Ankerkette und ein Beiboot sind abgebildet. Diese Malereien hat 1964 ein Freund von Najombolmi geschaffen, genannt "Old Nym" Djumurrgurd, ein Wardag-Mann aus Arnhem Land. Auch hier ist die "Vorlage" viele Jahrtausende alt.

Ubirr

Nourlangie Rock

Noch spektakulärer, und bis zu 20000 Jahre alt sind die Felsmalereien von Ubirr, dem Initiationsort von Bill Neidjie: ein etwas westlich des East Alligator River gelegener Sandsteinfelsen. Die Südseite eines abgesprengten Felsen ziert ein 240 cm langer gelber Bogen mit roten Umrissen: die Regenbogenschlange. Bei den Gunwinggu des westlichen Arnhem Land wird sie als Fruchtbarkeitsmutter Ngalyod verehrt, die mit den Regenstürmen nach der langen Trockenzeit die Tiere und damit die Nahrung zurückbringt. Nach dem Regen reckt sie sich hoch in den Himmel, damit alle sie sehen können.

Die Hauptgalerie befindet sich unter einem tiefen Überhang an der Südwestseite eines hohen isolierten Monolithen. Ein Fries mehrfarbiger, sich überlagernder Röntgenmalereien dekoriert die Wand. Die Szene beherrschen Fische, vor allem Barramundi, außerdem erkennt man Schildkröten, Känguruhs, Leguane und menschliche Figuren. Einige Darstellung zeugen vom Kontakt der Aborigines mit indonesischen Trepang-Fischern aus Makassar und europäischen Eroberern. Man erkennt Boote, Gewehre, Büffel und Pferde. Die kleinen, mit weißem Pfeifenton oder rotem Ocker gemalten Männer stellen ohne Zweifel Europäer dar: Einer raucht Pfeife, ist bekleidet und steckt seine Hände in die Hosentaschen, andere zeigen eine typisch "weiße" Überheblichkeitsgeste: Hände an den Hüften. Am linken Ende des Felsüberhang oberhalb der Hauptgalerie ist die berühmte Darstellung eines auf dem Kontinent schon seit vielen Jahrtausenden ausgestorbenen tasmanischen Tigers zu sehen. In scheinbar unerreichbarer Höhe erkennt man einige Mimi-Figuren. Diese Geistwesen biegen angeblich einfach den Felsen zu sich herunter, um sich darauf zu verewigen.

Gegenüber der Hauptgalerie führt ein Weg zu den Malereien auf der Hügelspitze, von der aus sich ein großartiger Panoramablick auf die Flutebenen des Nationalparks eröffnet. Auf der flachen Rückwand eines offenen Felsüberhangs erkennt man ein weiß gezeichnetes Fries unerhört dynamischer Mimi-Figuren. In der Mitte des Frieses wurden sie mit zwei dünnen weiblichen Namarakain-Figuren mit Dreiecksgesichtern übermalt, die mit beiden Händen ein magisches Band über ihren Kopf halten.

Praktische Infos

Tourist Information

Kakadu National Park

Bowali Visitor Centre
Kakadu Highway
Jabiru NT 0886

+61 8 8938 1120
kakadunationalpark@environment.gov.au
www.kakadu.com.au

Öffnungszeiten: tgl. 8-17 Uhr

Anreise

Mit dem Flugzeug:

Internationale und nationale Flüge landen und starten am Darwin International Airport. Außerdem Flugverbindungen mit Alice Springs und Uluru. Airnorth) bedient East Timor, Arnhem Land, Broome, Perth, Kununurra und die Gold Coast. Jetstar fliegt von allen australischen Großstädten und mehreren Städten Südostasiens nach Darwin. Mit Qantas kann man von Europa über Singapur direkt nach Darwin fliegen, außerdem gibt es Verbindungen mit allen australischen Großstädten. Virgin Australia fliegt von Brisbane, Melbourne, Perth und Sydney nach Darwin.

Mit dem Bus:

Greyhound Australia bedient die Hauptstraßen des Northern Territory und bietet eine direkte Verbindung zwischen Kakadu und Uluru. Außerdem Tourbusse von AAT Kings kleinere Backpacker-Busse.

Mit dem Zug:

Great Southern Rail betreibt den berühmten Zug The Ghan, der von Adelaide über Alice Springs und Katherine quer durch den Kontinent nach Darwin fährt. Drei Schlaf-/Liege­wagen­klassen plus eine Sitzklasse. In Port Augusta (SA) Anschluss an den Indian Pacific (Sydney-Perth), in Adelaide an den Overland (von und nach Melbourne).

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