Wolfgang Rössig

Wandjina-Felskunst

The Timeless Land

Wolfgang Rössig ⚫ 17. Nov 2017

Nein, die Bewohner der Antipoden laufen nicht kopfüber durch ihr Land, wie auf den alten Landkarten von Terra australis incognita zu sehen. Aber es sind schon viele Dinge anders im „Land Down Under“: Weihnachten feiert man im Sommer, Ostern im Herbst, der kalte Wind kommt aus Süden und der Mond geht „verkehrt herum“ auf.

Den meisten Menschen fallen zu Australien zuallererst die Känguruhs ein. Das Wappentier des 5. Kontinents muß denn auch für alle möglichen Marktetingideen herhalten. Nationalheiligtum sind allerdings eher die Koalas, die aussehen wie Teddybären, allerdings auf Werbeplakaten häufiger auftauchen als in freier Wildbahn. Das seltsame Schnabeltier hielt man in Europa zunächst sogar für einen Witz der Zoologen. Diese für Europäer so kuriose Tierwelt haben die Ureinwohner des Landes bereits vor über 20000 Jahren auf zwei Milliarden alten Felsen abgebildet. Die Kunst der Aborigines, die vor wenigstens 40000 Jahren den australischen Kontinent betraten, hat die Briten nicht davon abgehalten, Australien zur »Terra Nullius« zu erklären, einem Land, das niemandem gehörte. Erst seit der Verabschiedung des Mabo-Gesetzes, das 1992 erstmals die Landrechte der Aborigines anerkannte, schickt sich das weiße Australien an, den ersten Bewohnern des Fünften Kontinents Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Angesichts der riesigen Ausmaße Australiens, das etwa so groß ist wie die USA (ohne Alaska), könnte man meinen, es sei Platz genug für alle in diesem lediglich gut 24 Millionen Einwohner zählenden Land. Doch der Großteil ist staubtrockener Outback, dessen endlose Weiten zwar die Touristen faszinieren, den Australiern jedoch eher unheimlich sind. 80 Prozent von ihnen leben lieber an der »Bumerangküste« zwischen Adelaide und Brisbane, in den endlosen Vorstädten der modernen Metropolen. Die meisten kennen Europa besser als ihr riesiges Hinterland. Nur ihre Mythen kommen aus dem Outback, dessen Pioniere einen heroischen Kampf gegen die widrige Natur führten.

Mythen der Traumzeit

Felskunst der Aborigines

Viel älter aber sind die frühesten künstlerischen Manifestationen der Ureinwohner: Sie sind Jahrtausende vor den Höhlenmalereien von Lascaux entstanden. Für die Aborigines gibt es zwei eng miteinander verflochtene Zeitebenen: die aktuelle Gegenwart und die mythische Traumzeit, in der schöpferische Kräfte, die zumeist menschliche und tierische Eigenschaften vereinten, die Topographie des Landes prägten und den Menschen die heute noch zu befolgenden Gesetze mitgaben. Die Menschen besaßen das Land nicht, sie gehörten zu ihm und entnahmen ihm nur, was sie zum Überleben brauchten. Familien- und Stammesbande regelten ihr Leben bis in alle Einzelheiten. Als die weißen Eindringlinge diese Verbindungen zerstörten, entwurzelten sie die Menschen und raubten ihnen die kulturelle Identität. Den Rest besorgten Alkohol und europäische Krankheiten.

Heute entledigt sich die weiße Gesellschaft ihres schlechten Gewissens mit wohlmeinenden Sozialprogrammen, deren wenig überzeugenden Ergebnisse man im Slumviertel Redfern (Sydney) oder in den öffentlichen Parks der Outbacksiedlungen besichtigen kann. Das Interesse der Touristen an der Traumzeitkultur wird von vielen Australiern noch immer mit Kopfschütteln betrachtet: Ob die Vermarktung uralter Symbole die Kultur der Aborigines retten oder sie endgültig zerstören wird, bleibt abzuwarten. Die künstlerischen Manifestationen in Zentralaustralien, im Northern Territory, in den Kimberley, aber auch in den tristen Suburbs der Großstädte lassen aber auf einen »Bran Nue Dae« hoffen. So lautet der Titel des ersten »schwarzen« Musicals, das Jimmy Chi in Broome auf die Bühne brachte.

Ankunft der Fremden

Über die für Aborigines belanglose Frage, in welchem Jahrtausend die Kultur der Traumzeit begann, werden weiße Anthropologen wohl noch lange spekulieren. Doch wann beginnt die Geschichte Australiens im europäischen Sinne? Es war jedenfalls nicht James Cook, der als erster Fremder australischen Boden betrat. Immer weiter gehen die Forscher mittlerweile zurück. Das chinesische Buch Shi-Tzu beschrieb schon 338 v.Chr. Känguruhs, Bumerangs und schwarze Hirse, die in Südaustralien wächst. Der arabische Kartograph Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi aus Bagdad zeichnete 820 n.Chr. die erste Karte, auf der die Umrisse der Nordküste Australiens erscheinen. Auf der Toscanelli-Karte von 1474 glauben manche Interpreten, Murray, Darling, Swan und Shoalhaven River wiederzuerkennen. Doch wer wäre da 300 Jahre vor Cook, 50 Jahre vor den ersten Europäern und Jahre vor der Entdeckung Amerikas durch Australien gezogen? Malaiische Fischer waren vor dem 16. Jahrhundert die einzigen Fremden, die nachweislich australischen Boden betreten haben.

Vermutlich haben die Portugiesen, die sich 1516 auf Timor festsetzten, damals auch das große Südland entdeckt. Seekarten waren in dieser Zeit, als Spanien und Portugal die Welt unter sich aufteilten, jedoch Staatsgeheimnisse. Unter dem portugiesischen Kapitän Luis Vaes de Torres segelten die Spanier 1606 durch die Torres Strait zwischen Cape York und Neuguinea, in der Folgezeit machten die Holländer Bekanntschaft mit der West- und Südküste Australiens, und wäre diese nicht so unwirtlich gewesen, würde Australien wohl noch heute Neuholland heißen. Abel Tasmans Landung auf Van Diemens Land (Tasmanien) blieb folgenlos. Selbst der Bericht von James Cook, der 1770 in der Botany Bay das Land als »New South Wales« für die britische Krone in Besitz nahm, wäre möglicherweise in der Ablage verschwunden, hätten die amerikanischen Kolonisten nicht sechs Jahre später englischen Tee in den Bostoner Hafen geworfen.

So aber fand England einen neuen, noch weiter entfernten Ort, wohin es den Inhalt seiner überfüllten Kerker schicken konnte. 1788 lief die First Fleet in den Hafen von Sydney ein. Van Diemens Land (1803) und die westaustralische Swan River Colony (1829) wurden hauptsächlich gegründet, um die Franzosen vor ähnlichem Tun abzuhalten. Freie Siedler ließen sich einige Jahre später in Melbourne (1835) und Adelaide (1836) nieder, darunter viele Deutsche. In der Folgezeit suchten mutige Forschungsreisende nach Wegen durch das wüstenhafte Landesinnere. Dem Preußen Ludwig Leichhardt gelang 1844 die erste Durchquerung des Nordostens, Burke und Wills erreichten 1860 von Melbourne aus den Gulf of Carpentaria. Alle drei kamen auf späteren Expeditionen um. John MacDouall Stuart lokalisierte 1860 als erster das Zentrum Australiens, doch traf er eine Wüste an, nicht das erhoffte Binnenmeer.

Goldrausch in Victoria

1851 war jedoch das eigentliche Schicksalsjahr Australiens. Goldfunde in New South Wales und Victoria lösten eine ungeheure Einwanderungswelle aus. Zwei Jahre später stellten die Briten ihre Deportationen ein, und in den folgende Jahrzehnten entwickelte sich Australien zu einer auf Arbeit und »Mateship« basierenden egalitären Gesellschaft, die in der Rebellion von Eureka (1854) die australische Demokratie aus der Taufe hob. Keinen Platz in dieser Gesellschaft fanden jedoch die Aborigines. Die Idyllen des frühen Kolonialmalers John Glover, der in den 30er Jahren des 19. Jh. friedlich fischende Ureinwohner in einer arkadischen Landschaft abbildete, waren verlogen: Mit Gewehren und vergifteter Nahrung lösten die Kolonisten das Problem, dass ihr Land bereits besiedelt war.

Auch für die meisten Asiaten gab es in Australien lange keine Zukunft: rassistische Attacken vertrieben die meisten chinesischen Goldgräber, und bei den auf den Zuckerrohrfeldern Queenslands wie Sklaven schuftenden Melanesiern »bedankte« sich das weiße Australien mit der Deportation. Von 1901 bis 1958 galt eine rassistische „White Australia Policy“. Die australischen Kolonien schlossen sich zwar 1901 zu einem Bundesstaat zusammen, doch Großbritannien bestimmte nach wie vor die Geschicke des Landes. Das sinnlose Desaster an der türkischen Küste bei Gallipoli (1915), in das britische Generäle ein vereintes Korps von australischen und neuseeländischen Soldaten (Anzac) schickte, grub sich jedoch tief in die Psyche der Australier ein, begründete erstmals ein australisches Nationalgefühl und löste den langen, bis heute nicht abgeschlossenen Loslösungsprozeß vom britischen Mutterland aus.

Im 2. Weltkrieg hielt man den japanischen Vormarsch in Papua Neuguinea auf: ohne die Hilfe der Briten. Doch in den 50er Jahren konnten die »Pommies« mit ihren Atomversuchen auf südaustralischem Boden ihre traditionelle „Terra-Nullius-Politik“ fortsetzen, und noch 1975 setzte ein britischer Gouverneur ungestraft einen demokratisch gewählten australischen Premierminister kurzerhand ab. Das ehrgeizige Vorhaben, Australien zur Republik zu machen, wurde wieder auf die lange Bank geschoben, und auch um die Rechte der Aborigines steht es nach wie vor nicht zum Besten. „So lange wir weißen Australier den schwarzen Australiern ihre nationale Identität nicht zurückgeben, werden wir niemals unsere eigene einfordern können“, schrieb der Journalist John Pilger.

Wohin will Australien?

Noch immer sucht das von Minderwertigkeitskomplexen geplagte Australien seinen Platz in der Welt. Die verstärkte Einwanderung von Asiaten und die immer intensiveren Wirtschaftsbeziehungen mit Südostasien werden den 5. Kontinent wohl auf lange Sicht zu einem Teil des — heute noch fiktiven — „Australasia“ machen. Ob und wie die Aussies ihr »Lucky Country« mit „Mateship“, „Fix-it“ und „She'll be right“ im 21. Jahrhundert bewahren können, das dürften auch die vietnamesisch, kantonesisch und tagalog sprechenden Neuankömmlinge entscheiden. Oder wird „no worries“, wie es der australische Journalist John Hamilton befürchtet, wieder einmal in Wirklichkeit heißen: „We stuffed it up again?“

Praktische Infos

Tourist Information

Australien

www.australia.com/de-de

Einreisebestimmungen

Deutsche, Österreicher und Schweizer benötigen zur Einreise in Australien einen noch mindestens 6 Monate gültigen Reisepass und ein Visum, das elektronisch bei der Flugbuchung erteilt wird.

Impfungen

Impfungen für die Einreise sind nicht zwingend vorgeschrieben, eine Malariaprophylaxe ist nicht erforderlich.

Anreise

Mit dem Flugzeug

Die einheimische Fluglinie Quantas, Lufthansa sowie viele weitere europäische und asiatische Fluglininien fliegen nach Sydney und Melbourne. Internationale Flughäfen sind auch Brisbane, Perth, Cairns und Darwin.

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