Cropover auf Barbados

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Wuk-Up“ heißen auf Barbados die sinnlichen Hüftschwünge, die man beim Soca-Tanz vollführt. Immer wieder, wenn sich die Bajans wieder ins Karnevalfieber tanzen, lassen Puritaner und protestantische Pastoren, von denen es auf der Insel reichlich gibt, eine Philippika los: Vulgär sei das, geradezu obszön und ein Beweis dafür, wie heruntergekommen die Gesellschaft schon sei.

Mighty Gabby“, die leben­de Calypso-Legende von Barbados, lässt das nicht auf sich sit­zen. Lächerlich sei das, im Vergleich zu Brasilien oder Trinidad gin­ge es auf Barbados gera­de­zu harm­los zu. Nur weil da eini­ge Frauen beim Anblick einer Kamera die gewag­tes­ten Verrenkungen voll­füh­ren und mit ihren mehr oder weni­ger umfang­rei­chen „bum­bums“ (Hintern) wackeln, brau­che man sich nicht so auf­zu­re­gen. Und über­haupt: Erst hät­ten die bri­ti­schen Kolonialherren die anzüg­li­chen Tänze ver­bo­ten, weil sie selbst halt nur Blei in den Hüften hat­ten, und jetzt wür­den sich nord­ame­ri­ka­ni­sche reli­giö­se Organisationen als „Wuk-Up-Polizei“ auf­füh­ren. Was Gabby sagt, zählt: Schon oft wur­den sei­ne Soca-Titel zum „Pic-o-de-Crop“ gewählt. Viele Male schon durf­te sich der Sänger im National Stadium von Bridgetown die Krone des Calypso-Monarchs auf­set­zen.

Die heißeste Sommerparty der Antillen

Seitdem man nach 30jäh­ri­ger Pause 1974 das tra­di­tio­nel­le Cropover-Fest auf Barbados wie­der auf­le­ben ließ, hat sich die­ses zur hei­ßes­ten Sommerparty der Antillen gemau­sert. Nur der Karneval von Trinidad ist noch berühm­ter, bun­ter, lau­ter, aus­ge­las­se­ner und schlüpf­ri­ger, doch fin­det er im Februar statt. Auch Cropover ist inzwi­schen von Touristen ent­deckt wor­den, den­no­ch ist der Karneval von Barbados immer noch eine ein­hei­mi­sche Angelegenheit, deren Organisation unter chro­ni­schem Geldmangel lei­det. Früher bedeu­te­te „Cropover“ den Abschluss der Zuckerrohrernte im Hochsommer. Das war der eine Tag im Jahr, an dem die Sklaven frei beka­men und nach Herzenslust fei­ern, tan­zen, trom­meln, schlem­men und trin­ken durf­ten. Später ver­prass­te man beim Cropover den letz­ten Lohn, bevor bis zur nächs­ten Ernte Schmalhans Küchenmeister wur­de. Maskottchen des Festivals war „Mr Harding“, eine mit getrock­ne­ten Zuckerrohrblättern aus­ge­stopf­te Vogelscheuche, mit der man über die Plantage zog und der auch der Pflanzer sei­ne Reverenz erwei­sen mus­s­te.

Heute zieht sich selbst die hei­ße Phase von  Cropover über Wochen hin. Schon im April bringt man sich mit dem „Congaline Festival“ in Stimmung. Monate vor­her wer­den die Kostüme fest­ge­legt, pro­ben die Calyspso-, Soca-, Tuk- und Steelbands. Anfang Juli geht es so rich­tig los. Die Bands tref­fen sich zu Ausscheidungswettbewerben, den soge­nann­ten „tents“, die flei­ßig in Rundfunk, Fernsehen und Presse kom­men­tiert wer­den, und in den „Mas Camps“ wer­den die Kostüme zusam­men­ge­näht. Das ers­te „hei­ße“ Wochenende von Cropover läu­ten „Decorated Cart & Float Parade“ und „Gala Crop Over Opening“ ein. Von Bridgetowns Independence Square zieht die Parade zur Eröffnungszeremonie im National Stadium. Das letz­te Zuckerrohr der Ernte wird abge­lie­fert, und die Bands küren ihre eige­nen Queens und Kings. Später kom­men die Kiddies zu ihrem Recht: Beim „Junior Kadooment“ und bei der „Junior Calypso Monarch Competition“ dür­fen sie zei­gen, was sie drauf haben.

Die Highlights

Anfang August bricht das letz­te Wochenende von Cropover an. Am Freitag wird bei den Calypso-Finals im National Stadium der „Pic o-de-Crop“ des Jahres ermit­telt. Die fol­gen­de Nacht zum Sonntag ist beson­ders lang: Zuerst häm­mern die Steelbands von Barbados um die Wette, dann tanzt man beim „Fore-Day Morning Jump-Up“ bis zum Sonnenaufgang. Jetzt aber schnell eine Mütze Schlaf neh­men, denn bei der Riesenshow des „Cohobblopot Sunday“, eben­falls im National Stadium, para­die­ren Queens und Kings der ein­zel­nen Bands in kunst­vol­len Kostümen sie­ben Stunden lang vor einem begeis­ter­ten Publikum, wäh­rend über 200 Künstler und die Top-Bands der Insel auf­tre­ten.

Und dann kommt der abso­lu­te Höhepunkt: die gro­ße Straßenparade des „Grand Kadooment“. Dabei wird unter ande­rem der meist­ge­spiel­te Calypsonian zum „King of the Road“ gekürt. Den Preis für das bes­te Kostüm des Kadooment Day heimst, wen wun­dert es, Gwyneth Squires beson­ders oft ein. Schließlich schnei­dert sie schon seit vie­len Jahren für die meis­ten topplat­zier­ten „Queens“ und „Kings“ die Kostüme. Schon Stunden vor­her säu­men Tausende von Bajans die Straßen, durch die der Zug kom­men soll, klet­tern auf Lkws, Mauern und Dächer, um den bes­ten Blick zu haben. Bei 32 Grad im Schatten – aber wo ist schon Schatten – flie­ßen Rum und Schweiß in Strömen, und weil die Polizei gera­de zu Cropover einen „Sick-Out“ nimmt, sprich in den Bummelstreik getre­ten ist, muss das Militär die­je­ni­gen auf­sam­meln, die wäh­rend der lan­gen Wartezeit in pral­ler Sonne schlapp gemacht haben. Und dann kom­men sie: Lastwagen, aus deren über­di­men­sio­na­len Lautsprechern die belieb­tes­ten, fast das Trommelfell zer­fet­zen­den Soca-Titel schal­len, beglei­ten die oft Hunderte von Mitglieder zäh­len­den kos­tü­mier­ten Bands, die von Preisrichtern prä­miert wer­den. Zwischen den aus­ge­las­sen Tanzenden springt der Organisator der Gruppe hin und her, ver­zwei­felt bemüht, sei­ne kom­pli­zier­te Choreographie zu ret­ten.

Bacchanal Time

Aber es ist „Bacchanal Time“, und irgend­wie artet alles in hem­mungs­lo­sem, aber um so fröh­li­che­ren Chaos aus, weil das Publikum sich natür­li­ch in den „Jump up“ ein­mischt. Das Ganze endet am Strand, wo man nach spon­ta­ner Cropover Beachparty schließ­li­ch das Feuerwerk am nächt­li­chen Himmel bewun­dert. Nur für einen ist dana­ch die Party noch nicht vor­bei: der Calypso Monarch wird Ende August nach Trinidad fah­ren und in Port of Spain an der „Kings of Kings Competition“ teil­neh­men. 18 Calypsonians, aus Antigua, Barbados, Grenada, Guyana, St. Lucia und Trinidad,  wett­ei­fern jedes Jahr um die Krone aller Kronen.

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