Bühnenreifes Sabratha

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Das antike Theater von Sabratha westlich von Tripolis läuft sogar dem französischen Orange den Rang ab. Eigentlich nur einen bequemen Tagesausflug mit dem Bus von der tunesischen Urlauberhochburg Djerba entfernt, aber derzeit ohne Besucher, legt es einen bühnenreifen Auftritt hin: im wahrsten Sinne des Wortes. Mit seiner dreistöckigen Kulisse aus über hundert korinthischen Säulen – sie soll eine Nachbildung des Severer-Palastes in Rom sein – gilt das Theater als das größte Nordafrikas, und vielleicht als das Schönste des gesamten Imperiums.

Rekonstruiert wur­de es von ita­lie­ni­schen Archäologen. Einzigartig ist die manns­ho­he Stirnseite der Bühne, in deren Nischen wei­ße Marmorreliefs äußerst leben­dig wir­ken­de mytho­lo­gi­sche oder thea­tra­li­sche Szenen prä­sen­tie­ren: eine Opferhandlung des Septimius Severus in Begleitung eines Dieners oder sei­nes Sohns Caracalla, die sym­bo­li­sche Verbrüderung von Sabratha und Rom, die neun Musen, das Urteil des Paris, der zwi­schen den drei Grazien wählt, Merkur mit dem Dionysosknaben sowie pan­to­mi­mi­sche Szenen, Gottheiten, Tiermasken und rezi­tie­ren­de Schauspieler. Als Relief gestal­te­te Delphine zie­ren die Wangen der Loge für die wich­tigs­ten Würdenträger.

Steigt man die bes­tens erhal­te­nen Sitzreihen hin­auf, dann baut sich die impo­san­te, 22 Meter hohe Bühnenwand vor dem Auge des Betrachters auf. Von oben schweift der Blick über das gesam­te Theater, die anti­ke Stadt und hin­un­ter zur nur weni­ge Meter ent­fern­ten Küste des tief­blau­en Mittelmeer: Die Römer ver­stan­den es wahr­lich, Natur und Kultur mit­ein­an­der in Einklang zu brin­gen! Doch auch die ande­ren Bereiche von Sabratha fas­zi­nie­ren. In den Häusern des Wohnviertels, von denen meist nur die Grundmauern erhal­ten blie­ben, hat man vie­le Mosaike gebor­gen hat, die teil­wei­se im Museum von Sabratha zu sehen sind. In situ kann man ein far­bi­ges Bodenmosaik der direkt am Meer gele­ge­nen See-Thermen besich­ti­gen. Auch eine kopf­lo­se Venusstatue wur­de hier aufgestellt.

Im Frühjahr blü­hen wun­der­schö­ne Blumen zwi­schen den ele­gan­ten Säulen des Forums. Den zen­tra­len Platz von Sabratha begren­zen im Westen der Tempel der kapi­to­li­ni­schen Trias, in dem man eine mäch­ti­ge Marmorbüste Jupiters gefun­den hat, im Osten der monu­men­ta­le, auf einem Podium ste­hen­de Liber Pater Tempel mit male­ri­schen frei­ste­hen­den korin­thi­schen Säulen, im Norden die Kurie, gewis­ser­ma­ßen das „Rathaus“ von Sabratha, und im Süden die Basilika, das Gericht. Hier war der Sitz der Stadtverwaltung, hier wur­den Lieferverträge beur­kun­det, und hier hielt der in Karthago gebo­re­ne Apuleius, Autor des Romans „Der Goldene Esel“, um 157 n. Chr. sei­ne berühm­te, zur Gänze erhal­te­ne Verteidigungsrede (Apologia), als man ihn der Hexerei anklag­te, und mach­te dabei sei­nen Ankläger voll­ends lächer­lich: ein saf­ti­ges Sittengemälde sei­ner Zeit.

Die gute Isis

Ganz im Osten der Ruinenstätte ragen direkt am Meer die hohen Säulen des Isis-Tempels auf. Schließlich war die ägyp­ti­sche Göttin die Schutzpatronin der Seeleute. Das Meer rauscht, zwi­schen den Ruinen blö­ken Schafe, es duf­tet nach Kräutern: eine Idylle, wie sie andern­orts nur die frü­hen Entdecker anti­ker Ruinen genie­ßen konn­ten. Auch das aus der Justinianschen Basilika gebor­ge­ne wun­der­vol­le Mosaik, das ins heu­te – lei­der oft geschlos­se­ne römi­schen Museum von Sabratha ver­bracht wur­de, sieht man sich gele­gent­lich ganz allein an. Es ist tep­pich­mus­ter­ar­tig mit sti­li­sier­ten Bäumen geschmückt und wur­de wohl von Künstlern aus Byzanz oder dem Orient geschaffen.

 

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